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Dr. Prosl

Interview mit dem Botschafter Österreichs Dr. Prosl

Die Leichtigkeit des Seins der Torte Fehlt …

Ein gastronomisch-kulinarisches Gespräch mit Dr. Christian Prosl, Botschafter Österreichs in Deutschland

Dr. Christian Prosl, Außerordentlicher und Bevollmächtigter Botschafter der Republik Österreich in der Bundesrepublik Deutschland, so der offizielle Titel des 62jährigen, begann seine diplomatische Karriere 1979 als Erster Botschaftssekretär der österreichischen Botschaft in London.
Nach Stationen in Washington, Los Angeles und in leitenden Funktionen des Außenministeriums in Wien, kam der promovierte Jurist im Januar 2003 als Botschafter nach Berlin. Hier sprach es sich schnell herum, dass Dr. Christian Prosl auch ein profunder Kenner österreichischen Essens und österreichischer Weine ist. Bei einem gebürtigen Burgenländer kein Wunder. Zwischen zwei diplomatischen Terminen in Wien und Lissabon gewährte er GARCON in Berlin ein Interview.

GARCON: Anfang der 1990er Jahre musste man österreichische Restaurants in Berlin noch mit der Lupe suchen. Heuer braucht man schon mehrere Hände, um sie zu zählen. Wie erklären Sie sich den gastronomischen Austria-Boom?

Dr. Prosl: Von einem Boom würde ich nicht sprechen, eher von einer logischen Entwicklung. Schauen Sie, wir Österreicher sind seit jeher mobile Menschen – auch Gastronomen und Köche mit österreichischem Pass sind seit Jahrzehnten auf der ganzen Welt tätig. Nach dem Mauerfall zog es sie natürlich verstärkt nach Berlin. Immerhin ist die deutsche Hauptstadt eine der spannendsten Metropolen und wirkt vor allem auf junge Leute etwa aus Wien, Graz, Linz oder Salzburg geradezu wie ein Magnet.

GARCON: Wann würden Sie einem Berliner Restaurant das Attribut „typisch österreichisch“ zuerkennen?

Dr. Prosl: Auf keinen Fall bereits dann, wenn der Inhaber Österreicher ist, obwohl das schon eine gute Voraussetzung ist.

GARCON: Weshalb?

Dr. Prosl: In Österreich bedarf es einer entsprechenden Ausbildung, wenn sie gastronomisch tätig werden wollen. Heuer Student, morgen Taxifahrer, übermorgen Wirt, so einfach geht das nicht. Dafür ist uns die Branche zu wichtig.

GARCON: Also, nehmen wir mal an, ein Österreicher mit abgeschlossener Lehre im Restaurantfach kommt nach Berlin, findet ein geeignetes Lokal, nennt es beispielsweise „Zum Zillertal“ und bietet Wiener Schnitzel und Tiroler Gröstl an – ist das „typisch österreichisch“?

Dr. Prosl: Ich muss Sie enttäuschen, immer noch nicht. „Typisch österreichisch“, dafür stehen im wesentlichen drei Dinge. Erstens eine Wohlfühl-Stimmung, eine Wohnzimmer-Behaglichkeit, eine gewisse Gemütlichkeit selbst dann, wenn das Restaurant rappelvoll ist. Zweitens natürlich vorzügliche Speisen und österreichische Weine, die übrigens kein zusätzliches Attribut benötigen, weil sie einfach alle gut sind. Und drittens, da haben einige österreichische Lokalitäten in Berlin durchaus noch Reserven, eine aufgeschlossene, freundliche, hektikfreie Bedienung. Dienstleistung im besten Wortsinn also – dienen und leisten.

GARCON: Bleiben wir mal bei den Speisen. Sind Sie mit dem Angebot der österreichischen Restaurants in Berlin zufrieden?

Dr. Prosl: Im wesentlichen schon. Das Angebot zeigt die Vielfalt der österreichischen Küche, konzentriert sich zunehmend auf Bio-Qualität, und die Zubereitung der Gerichte entspricht unserer kulinarischen Tradition, ob es nun um Steirische Kürbissuppe, Tiroler Kasknödel oder Salonbeuscherl geht.

GARCON: Salonbeuscherl?

Dr. Prosl: Das ist ein Innereien-Gericht aus Lunge und Herz vom Schwein oder Kalb, bei dessen Zubereitung anstelle von Essig, wie beim normalen Beuscherl, Wein verwendet wird. Deswegen der Zusatz „Salon“, um zu dokumentieren, dass es sich um etwas besonders Feines handelt.

GARCON: Das gibt es in Berlin?

Dr. Prosl: Leider viel zu selten. Aber das mag wohl daran liegen, dass sich die österreichischen Köche hier auch auf die Vorlieben der Berliner konzentrieren müssen – und da ist das Wiener Schnitzel wohl der kulinarische Favorit schlechthin.

GARCON: Aber auch das kommt so oder so auf die Teller.

Dr. Prosl: Sicher, aber ich behaupte mal, wenn das Fleisch vom Biokalb stammt, wenn die Brösel aus Österreich kommen und wenn der Koch seinen Beruf ordentlich gelernt hat und es mit Liebe zubereitet, kann eigentlich nichts passieren. Außerdem sollte er sich davor hüten, den Wettbewerb um das größte Wiener Schnitzel mitzumachen – die Größe ist kein Qualitätsmerkmal.

GARCON: Was vermissen Sie denn, kulinarisch gesehen, in Berlin?

Dr. Prosl: Wir Österreicher sind mit unseren Landsleuten, die sich in der deutschen Hauptstadt gastronomisch engagieren, ziemlich zufrieden. So oder so ähnlich isst man auch in Wien oder anderen Hauptstädten unserer Bundesländer, von Bregenz bis Eisenstadt. Einen saftigen Schweinsbraten würde ich mir manchmal wünschen, dabei liegt die Betonung auf saftig. Vielfältigere Brotsorten. Reserven gibt es auch beim Kaiserschmarren. Tja, und die Torten, die geraten meiner Meinung nach den Österreichern, wenn sie in Berlin angekommen sind, meist zu schwer. Die Leichtigkeit des Seins der Torte fehlt. Außerdem könnte ich mir vorstellen, dass die österreichischen Genussregionen auch in Deutschland eine noch größere Rolle spielen.

GARCON: Was meinen Sie damit?

Dr. Prosl: Dabei geht es um ein Projekt, das vor drei Jahren in Österreich gestartet wurde und zum Ziel hat, typische regionale Spezialitäten zu stärken. Nehmen Sie beispielsweise Oberösterreich, das Bundesland, das sich zum österreichischen Nationalfeiertag am 26. Oktober in unserer Botschaft vorstellen wird. Regionale Produkte von dort wie der Innviertler Surspeck, der Hausruckmost, der Salzkammergutkäse oder der Schlierbacher Käse sind von höchster Güte, arteigenem Geschmack und prägen viele der in Oberösterreich typischen Gerichte. Ebenso wie in den anderen Bundesländern gibt es auch in Oberösterreich kulinarische Spezialitäten, die weit über die Landesgrenzen hinaus Berühmtheit erlangt haben – die Linzer Torte etwa oder die Zaunerstollen aus Bad Ischl und natürlich die vielen dutzend Arten, Knödel herzustellen – immerhin gilt Oberösterreich als klassisches Knödelland.
Das alles in Berlin bekannter zu machen, sollte auch die Aufgabe unserer Gastronomen hier sein.

GARCON: Für die kulinarische Offerte zum Botschaftsempfang am 26. Oktober ist, wie in den vergangenen Jahren auch, der Berliner Meisterkoch Franz Raneburger zuständig. Was schätzen Sie an ihm besonders?

Dr. Prosl: Ganz einfach, er ist der Beste, und wenn er an diesem Tag nicht für meine Gäste kochen würde, würde das meine Frau tun. Franz Raneburger ist der erste kulinarische Botschafter Österreichs in Berlin. Wir arbeiten natürlich gern und oft auch mit anderen österreichischen Köchen zusammen, die in der deutschen Hauptstadt hervorragendes leisten und Österreich dadurch gastronomisch und kulinarisch ausgezeichnet repräsentieren.

GARCON: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Botschafter.

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Die Autorin ist seit 10 Jahren im Auftrag für gutes Essen und Trinken unterwegs.