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Spree-Athen – Griechen in Berlin

Griechen in Berlin – Ein kulinarischer Rückblick

„Man ging zum Griechen, und das hatte einen Grund. Der Grieche hat schön fettig gekocht, und die Portionen waren groß,“ so Ulrich Wickert, Journalist und frankophiler Feinschmecker, im zweiten Teil der sehenswerten ARD-Dokumentation „Mahlzeit Deutschland“ über die kulinarischen Neigungen der (West)Deutschen in den 1960er Jahren.
Wickert studierte damals in Bonn, der Republikshauptstadt. Hätte er sich statt an der dortigen Friedrich-Wilhelms-Universität an der Freien Universität Berlin eingeschrieben, wäre das mit dem „Mal-eben-zum-Griechen-gehen“ nicht ganz so leicht gewesen.
Erst 1964 wurde hier das erste griechische Lokal eröffnet, die Taverna Apostolis in der Charlottenburger Schlüterstraße. Deren kiezübergreifende Bedeutung bestand einerseits in der Einzigartigkeit am Berliner Gastromarkt, andererseits in der Person des Kochs, Sängers und Schauspielers Kostas Papanastassiou, der später das Terzo Mondo übernahm und den dann die Kultserie „Lindenstraße“ populär machte.
Das heute älteste griechische Restaurant Berlins, das die Sirtaki- und Souflaki-Welle mit ins Rollen brachte, feiert seit ein paar Wochen 40. Geburtstag – das Akropolis in der Wieland-/Ecke Niebuhrstraße, ebenfalls in Charlottenburg. Als es 1969 an den Start ging, nahm es die damalige Studentengeneration mit Jubel in Beschlag, die Diskussionen bei Tzatziki und Retsina füllten halbe Nächte, und billig war’s außerdem.
„OFF-Kneipen und Haltestellen“, ein zu dieser Zeit vor allem unter FU-Studenten stark gefragter Führer zu den preiswertesten Futterkrippen der Stadt, vermerkte akropolisbegeistert: „Griechisch bis zum waschechten Koch, griechische Musik, griechische Einrichtung, griechische Stimmung. Typisch für das Griechische ist auch der Antivampirismus – Knoblauch – nach dem Motto: lieber griechisch als Fernet Branca.“
Mitte der 1970er entdeckten die Deutschen Griechenland als Reiseziel. Dementsprechend stieg auch hierzulande das Interesse an der hellenischen Urlaubsküche. Ehemalige Gastarbeiter, Künstler, aber auch Griechen, die nach 1967 vor der Diktatur in ihrer Heimat geflohen waren, eröffneten Restaurants, lockten Landsleute mit gastronomischen Kenntnissen nach Berlin und stellten Deutsche mit Hang zur Hellas-Kulinarik ein.
Dimokritos, Epikur, Plaka, Olympia, Sokrates, Thessaloniki, To Steki, Zorbas waren einige der Lokale aus dieser Zeit. Es gab riesige Portionen Moussaka, ein Auberginen-Hackfleisch-Auflauf, Lammkeule, traditionell mit Feta überbacken, voluminöse Grillpatten, sauren Demestica, geharzten Retsina, der Halbe für 12 Mark, und wer dann noch nach Luft schnappte, bekam Ouzo auf Kosten des Hauses. Die Ägäis ließ grüßen – am heißesten in Charlottenburg.

Hier befand sich auch das Wohnzimmer der Grunewald-Connection, Fofi’s Estiatorio. Die Frage, weshalb ausgerechnet ein griechisches Restaurant zum Treffpunkt des eleganten Teils der Berliner Prominenz wurde, beantwortete Deutschlands Gastro-Guru Wolfram Siebeck einst so: „Ein Grund ist sicherlich die Wirtin, deren wohlwollender Händedruck vielen Stammgästen wichtiger ist als die Qualität der Küche.“
1978 hatte Fofi Akrithaki das Fasanenstraßenlokal eröffnet, eine hübsche Boulevardterrasse eingerichtet, und bald parkten abends Nobelschlitten die stille Kudamm-Seitenstraße zu.

Volker Rüger, ein junger Kellner aus Wuppertal, später Inhaber des Bovril, arbeitete einige Jahre in Fofis gut dressierter Servicebrigade (wie später übrigens auch Josef Laggner, Berlins heutiger Gastrokaiser) und erinnert sich: „Die Preise waren für damalige Verhältnisse gepfeffert, die Vorspeisenplatte gab’s für 18, der Mixed Grill kostete 34 DM. Es gab Rinderfilet in Senfsauce, Seezunge in Hummersauce, die damals unvermeidliche Kalbsleber und Scampis bis zum Abwinken.“
Wolfram Siebecks Fazit fiel dennoch, naja, zwiespältig aus: „Im Fofi’s muss man bei der Auswahl schon ein bißchen Glück haben, um die Anhänglichkeit der Stammgäste zu verstehen. Nur der Weinfreund drückt hier vergeblich die Daumen, das Angebot ist ärmlich.“
Ende November 1995 schloss Fofi Akrithaki ihren Laden in der Fasanenstraße und zog ins Nikolaiviertel. Die Grande Dame der Westberliner Gastronomie und ihr kaum weniger bekannter Geschäftspartner Aris Papageorgiou setzten auf die Anziehungskraft der neuen Mitte Berlins, aber sie hatten wohl die Rechnung ohne die Gäste gemacht. Mit dem neuen Fofi’s wurde es nichts, Fofi Akrithaki ging zurück nach Athen.
Kostas Cassambalis, ihr einstiger Geschäftsführer, eröffnete ein eigenes Restaurant in der Grolmannstraße, das sympathische Cassambalis. Neben dem Kreuzberger Z, dem Kretaner in Zehlendorf, dem Ousies in Schöneberg und einigen anderen Stätten „verfeinerter griechischer Küche“ gehört es heute zur Spitzengruppe griechischer Gastlichkeit in Berlin.