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Willi Longin – Ein Steirer in Berlin

Vor 60 Jahren veröffentlichte der österreichische Journalist Eugen Szatmari ein „Buch von Berlin“. „Richtig wienerisch, mit Häuptelsalat, Backhendel, Tafelspitz und Buttererdäpfel“, notierte er damals, „wird nur im Wiener Burgrestaurant gekocht, wo die meisten in Berlin weilenden Wiener speisen und die Küche ganz genau kontrollieren.“

Aus der Zeit Anfang der 1980er ist die Pulvermühle in Erinnerung. Und natürlich das Kreuzberger Exil. Im ältesten Szene-Treff Berlins kochte der Wiener Literat Oswald „Ossi“ Wiener gute österreichische Hausmannskost und servierte noch bessere Sprüche. „Bier ist die Lyrik des Klassenkampfes“, war einer davon.

Mitte der 1990er schließlich wurde mit der Eröffnung des Ottenthal in der Kantstraße und weiterer Restaurants etwas ins Rollen gebracht, das Szenekenner mit Berliner Beisel-Blüte nennen..

Über 20 Austria-Restaurants zählen wir derzeit, die meisten mit grundsoliden Angeboten Marke „Back to the Basics“. Angeführt wird die kulinarische Seilschaft vom Riehmer´s in Kreuzberg, einem Wirtshaus mit Wohlfühl-Atmosphäre und vorzüglicher Alpenlandküche. Dafür sorgt Willi Longin mit seinem Team. Kürzlich feierte er seinen 60sten.

Glückwunsch, Willi.

Ein bisschen wirkt Willi Longin wie Hans Albers. Blond, strahlend blaue Augen, ein muskulöser Körper. Nur mit der Reeperbahn hat er nichts am Hut, weder am Tag noch nachts um halb eins. Willi Longin liebt die Berge, und das hört man. „Griaß di!“, sagt er. Schon weiß man, was Sache ist.

Der 60-Jährige stammt aus Schladming im nordwestlichen Winkel der Steiermark. Hier ruft der Dachstein, knapp 3000 Meter hoch. Für Willi Longin aber offenbar nicht laut genug. Nach der Kochlehre im elterlichen Hotel zog es ihn in die Welt. Bangladesh, China, Indien, Burma, Thailand, Venezuela, später Frankreich, 1994 dann Berlin. Café Möhring, Andechser Hof, Wiener Stüberl. Bodenständige Küchenkonzepte, das lag dem Steirer. Sein Tafelspitz – zart, feinfasrig und kompakt. Das geschmorte Lammhaxl – ein Treffer. Eierschwammerlgröstl, Salonbeuschel, Zwiebelrostbraten – perfekte Alpenlandküche á la Longin. Das heißt, mit entschiedener Aversion gegen jede Form von Lieblosigkeit. „Hier wird vernünftig und auf bestechend hohem Niveau gekocht“, steht im Riehmer´s-Gästebuch. Hier in Kreuzberg ist der Steirer seit 2007 Chef in der kleinen offenen Küche. Auf der Speisenkarte Esterházy-Schmorbraten vom Jungbullen und der Satz: „Wir verwenden ausschließlich Fleisch aus Brandenburger Freilandhaltung!“ Das gilt natürlich auch fürs Wiener Schnitzel, das Longin serviert, wie es sein muss – außen staubtrocken, innen heiß und zart.

Die Zahl der Bons wird zweistellig, die Küchenbrigade schuftet, Willi Longin ist gut drauf. „Wer`s beim Arbeiten schwitzt, der konn`s nich“, sagt er.

 

Restaurant Riehmer´s

Hagelberger Straße 9
10965 Berlin-Kreuzberg
Tel. 030 – 78 89 19 80

www.riehmers-restaurant.de

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Die Autorin ist seit 10 Jahren im Auftrag für gutes Essen und Trinken unterwegs.