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Interview mit dem Weinjournalisten Stuart Pigott

Stuart Pigott – ein Engländer in Berlin. Markenzeichen: sauteures Fahrrad, extravagante Klamotten, vorzugsweise im Karo-Look.

Pigott, geboren 1960 in London, studierte in seiner Heimatstadt Malerei und Kunstgeschichte. Um das Studium zu finanzieren, jobbte er. „Ein Job war sehr glücklich für mich. Trotz null Wissens wurde ich zum Weinkellner in einem erstklassigen Restaurant mit einer herausragenden Weinkarte ernannt… Nach und nach habe ich mich durch den ganze Keller gekostet. Wir hatten auch manche freundliche Stammgeäste, die gesagt haben: ‚Mr. Pigott, dieses Glas ist für Sie!‘ 1959er Pichon Lalande, 1961er Leoville Las Cases. Das war nicht das Schlechteste für mich.“ Seit 1986 jedenfalls widmet er sich dem Thema Wein auch journalistisch. Im Januar 1989 Übersiedlung von London an die Mosel, nach Bernkastel. „I drifted away from England and become an exile writer“, notierte er in seiner Autobiografie, die übrigens mit dem programmatischen Titel „I am wine“ überschrieben ist.

1994 erschien Pigotts erstes Weinbuch in deutscher Sprache, es folgten u. a. „Schöne neue Weinwelt“, „Wein weit weg“, „Wilder Wein“ und die 600-Seiten-Wälzer „Die großen deutschen Rieslingweine“ und „Die führenden Winzer und Spitzenweine Deutschlands“. Seit Mitte der 1990er Jahre lebt Pigott in seiner Wahlheimat Berlin, mit einer längeren Unterbrechung. Von Oktober 2008 bis Juli 2009 studierte er als Gastberliner an der Fachhochschule für Weinbau in Geisenheim/Rheingau. Seine Weinkolumnen, vor allem in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, beweisen, dass man über dieses Thema nicht nur schwülstig schwätzen, sondern auch verständlich schreiben kann. Kein Wunder, dass jeder zweite Artikel über Stuart Pigott ihm den Beinamen „Weinpapst“ verpasst. Jedesmal, wenn er sowas liest, wird er wütend: „Ich lehne diese Bezeichnung kategorisch ab. Der Papst sollte unfehlbar sein. Ich bin fehlbar.“

 

Garçon: Ist Berlin eine Weinstadt?
Pigott: Ich finde, Berlin ist gut dabei, das zu werden

Garçon: Woran machen Sie es fest?
Pigott: An meinen Erfahrungen. Als ich 1994 nach Berlin kam, gab es mehr schlechte als gute Weine.

Garçon: Was sind schlechte Weine?
Pigott: Schlechte Weine sind entweder dünn oder sauer oder disharmonisch oder alles zusammen.

Garçon: Nochmal zurück in die 90er Jahre und zu Ihren Erfahrungen …
Pigott: Ja, gegenüber dieser Zeit hat sich heute auch das Angebot verändert. Es ist bunter geworden, das Sortiment der Weinhandlung X gleicht nicht mehr aufs Haar der des Konkurrenten Y.

Garçon: Welche Händler sind vorn in Berlin?
Pigott: Erstmal – es ist super, dass wir so viele Spezialisten haben. In Berlin kann ich heute fast alle Weine der Welt bekommen.

Garçon: Fast?
Pigott: Fast. Weil es schwierig ist, die besten Australier, Kalifornier und Neuseeländer zu finden.

Garçon: Die besten Weinhandlungen?
Pigott: Wein & Glas ist sicher der Platzhirsch. Das größte Sortiment hat wahrscheinlich Weinladen Schmidt, das mutigste Viniculture, ganz klar.

Garçon: Wie geht’s dem deutschen Wein in Berlin, verglichen mit 1994?
Pigott: Damals war der deutsche Wein in der guten Gesellschaft verpönt in der normalen Gesellschaft herrschte Skepsis. Man trank Côte du Rhône und Beaujolais und fand sich toll. Riesling zum Beispiel wurde gar nicht ernst genommen. Heute ist deutscher Wein in aller Munde.

Garçon: Welche Reserven hat Berlin, wenn es um den Wein geht?
Pigott: Die Reserven hat die Gastronomie. Ich würde mir eine Weinbar in zentraler Lage mit 100 offenen Weinen wünschen.

Garçon: Wie viel Wein trinken Sie eigentlich?
Pigott: Ich fürchte, dass es 250 Liter im Jahr sind. Vielleicht auch 300. Der deutsche Durchschnitt liegt etwa bei 25 Litern pro Kopf und Jahr. In Berlin wird er noch um ein, zwei Liter übertroffen.

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