Restaurant Ø

Als Anfang Oktober die tip-Speisekarte 2013 erscheint, gönnen sich Ruzica Krakan und Markus Herbicht erstmal ein Glas Champagner. „Bestes Berliner Mittagsrestaurant, das will schon was heißen“, prostet die Chefin ihrem Partner im Laden wie im Leben zu. „Und das, obwohl wir erst vor vier Wochen eröffnet haben“, prostet Markus Herbicht zurück. Man sieht den beiden an, wie stolz sie sind.

Ruzica Krakan, Jahrgang 1969, gebürtige Berlinerin und diplomierte Sprachwissenschaftlerin, ist in der Berliner Gastronomielandschaft ebensowenig ein unbeschriebenes Blatt wie Markus Herbicht, der nach langer Zeit als Küchendirektor in Roland Marys Gastro-Imperium seit einem Jahr erfolgreich eine eigene Firma betreibt, Catering, Personal, Beratung. Als Ruzica Krakan sich entschloss, neben dem SETs in der Charlottenburger Schlüterstraße einen zweiten Laden in Kreuzberg zu übernehmen, lag es nahe, ihren Partner um Unterstützung zu bitten. Herbicht wurde beratender Küchenchef, was auch immer das Attribut nun bedeuten mag. Nur am Rande erwähnen beide einen dritten Beteiligten an ihrem Projekt, einen stillen, über den sie nicht reden wollen… Garcon Nr. 23019
Da uns Geschäftsgeheimnisse weniger interessieren als Küchenoffenbarungen, belassen wir es dabei, und kommen erstmal zum eigenwilligen Namen des neuen Restaurants.

Zwei Gäste auf der großen Terrasse. Fragt der eine:“Wie heest´n dit hier nu?“ Antwortet der andere: „Ey, Durchschnitt!“ Das ist natürlich mitnichten so. Ruzica Krakan, Markus Herbicht und ihr Partner im Stillen sind da schon mit mehr Grips an die Namensfindung herangegangen. Ø (gesprochen Ö) ist dänisch und bedeutet Insel. „Und nun dürfen Sie mal ein bisschen nachdenken, was das mit Berlin zu tun hat“, sagt die Chefin. So schwer ist das nicht. Im 18. Jahrhundert war die Stadt eine Insel der Aufklärung und Toleranz, im 19. Jahrhundert eine Insel der Romantik und im 20. Jahrhundert schließlich, nach der Teilung der Stadt, galt Westberlin als Insel der Freiheit.
Auch bei der Inneneinrichtung haben sich Krakan, Herbicht und ihre Architekten etwas einfallen lassen. Eine Metalldecke aus dem ehemaligen Club des Café Moskau, die Lampenkonstruktion des Ex-Bauministeriums der DDR, 50er-Jahre-Wandleuchten aus dem Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz, Treppengeländer aus der alten Staatsoper Unter den Linden, Eiermann-Stühle aus dem Bikini-Haus am Bahnhof Zoo, Balken und Tapeten aus Abrisshäusern, uralter Stuck – Berlin, wie es sich mischt. Und auf die Dimension der Räume angesprochen, erwidert Ruzica Krakan keck: „Klein ist was für andere.“

Auch Herbichts Küche trägt der eigenwilligen Berlin-Melange Rechnung. „Made in Berlin“ nennt der 44-jährige Saarländer sein Küchenkonzept.  Dementsprechend serviert er Kreuzberger Schnitte, das ist gebratene Blutwurst mit Rieslingsauerkraut, Birnenkompott und geröstetem Sauerteigbrot; Kreuzberger Pflastersteine, als Würfel angerichtetes Tartar vom Spreewälder  Garcon Nr. 23018Angusrind, Linumer Wiesenkalb und vom Räucherlachs oder eine Brotzeit Liebesinsel – Kräuterquark, Schinken, Leberwurst, Käse, Gurken, Tomaten, Brot und Butter.

Die Preise sind vernünftig, die gesottene Schulter vom Ruppiner Weidelamm beispielsweise, die ab zwei Personen serviert wird, ist mit 19,80 Euro das teuerste Hauptgericht. „Da kannste nich meckern“, sagt der Berliner. In ihrer bodenständigen Regionalität vermeidet Herbichts Küche jeden Anflug bürgerlich-barocker Tellergrausamkeiten. Das wird sich schnell herumsprechen und die üblichen Folgen haben. Das vermuten auch die Autoren der tip-Speisekarte: „Kaiserstein hieß früher die Kreuzberger Gaststätte, die hier mehrere Wirte bespielt haben. Doch besucht hat sie kaum jemand. Das wird sich ändern.“
Einer, der mit Sicherheit dazu beitragen wird, ist Andreas Künster, ein bekannter Mann in seiner Branche. Der 30-jährige Cocktail-König mixte schon in Strasbourg und Stuttgart und war Barchef im Prince-Charles-Club am Moritzplatz und im Cookies in der Friedrichstraße. Uns empfiehlt er als geistige Lockerungsübung seinen Cocktail „Marie-Luise“, den er der Namensgeberin des Bergmannkiezes gewidmet hat: Gin, Zitrone, Honig, Selleriebitter, Karottensaft, Pfeffer, Trüffelbalsam.
Wem der Signature-Drink zu abgefahren ist, kein Problem. Künster schüttelt auch die Cocktail-Klassiker von Cosmopolitan bis Mai Tai und Mojito.

Restaurant Ø

Mehringdamm 80
10965 Berlin
Leider geschlossen!

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Die Autorin ist seit 10 Jahren im Auftrag für gutes Essen und Trinken unterwegs.

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