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Messerschleifer Lehmann

Solinger Schleiferei – Der Daumen schleift…

Meister Werner Lehmann zum 85. Geburtstag

Die Zoppoter Straße in Schmargendorf  ist eine stille Ecke. Wenn man vor dem kleinen Messergeschäft in der Nummer 11 steht, scheint die Zeit jedoch vollends stehen geblieben zu sein.
Der Schriftzug „Solinger Schleiferei“, das Schaufenster im 60er-Jahre-Charme, der gerahmte Goethe-Spruch, dass wir alle schlechte Arbeit hassen müssen wie die Sünde, das handgeschriebene Schild mit den Öffnungszeiten – nichts hat sich hier in den letzten 57 Jahren geändert, seit Werner Lehmann das Geschäft eröffnete.
Nach dem schrillen Klingeln der Ladenglocke ist man einen Augenblick allein. Der Meister braucht ein bisschen Zeit, um seine Arbeit am Schleifstein im Hinterzimmer zu unterbrechen und in den Laden zu kommen. Momente um mit den Augen zu stöbern. Eine Uralt-Werbetafel aus Solingen – „Unsere Scheren schneiden glatt, alle Stoffe, die man hat“. Ein gerahmtes Gratulationsschreiben der Berliner Handwerkskammer zum 50. Meisterjubiläum. Der Silberne Meisterbrief im Messerschmiedehandwerk für Werner Lehmann, geboren am 18. Januar 1928 in Berlin.
Genau 85 Jahre später parken ungewöhnlich viele Autos vor Lehmanns Schleiferei. Auch im Laden herrscht Gedränge. Bekannte, Freunde und Kunden sind gekommen, um dem Meister zum Geburtstag zu gratulieren. Peter Frühsammer, der seine Kochmesser seit 30 Jahren hier schleifen lässt, Altmeister Karl Wannemacher, Magazin Garcon Nr.25die KaDeWe-Küchenchefs.
Jeder, der an diesem kalten Januartag Meister Lehmann seine Reverenz erweist, kennt auch eine Geschichte. Peter Frühsammer beispielsweise erzählt, wie ihm der Meister immer wieder ins Gewissen redete, wenn er die Messer seiner Köche zu spät zum Schleifen brachte.
„Wenn Sie die Messer früher brächten, könnten die Jungs schneller arbeiten und Sie viel Geld sparen“, zitiert der Gastronom die ökonomische Logik von Werner Lehmann.

Die Männer aus dem KaDeWe geben die Story zum besten, wie sie ihren Messerschleifer, der nichts mehr hasst als Medienrummel und Werbetrommeln, am Ende doch zu einem Auftritt in der ARD-Reportage zum 100-jährigen Bestehen des Kaufhauses überreden konnten.
Auch ich erinnere mich an eine Begebenheit, die vielleicht zehn, elf Jahre zurückliegt, als sei es gestern gewesen.
Das teure Messer, das ich Werner Lehmann zum Schleifen brachte war stumpf wie ein Museumsstück, dabei hatte ich es gerade mal ein halbes Jahr in Gebrauch. Der Meister betrachtete die Klinge, fuhr mit dem Daumen über den Stahl und sagte: „Du musst es häufiger abziehen.“ „Mache ich regelmäßig“, entgegnete ich. „Richtig?“, fragte Lehmann. „Sicher!“
Er drückte mir einen Wetzstahl und das Messer in die Hand. „Zeig mal.“ Ich gab mein Bestes. Werner Lehmann lächelte. Er stoppte meinen Versuch, nahm das Werkzeug vorsichtig in seine Handwerkerpranken, demonstrierte in Zeitlupe die richtige Technik und sagte jenen Satz, den ich nicht vergessen werde: „Der Daumen schleift.“ Vier Finger umfassen locker den Griff des Messers, der Daumen liegt auf der Klinge. Das Abziehen wird zum Kinderspiel.
Lehmann, Jahrgang 1928 also. Während des Krieges Lehre als Messerschmied in Berlin. Mit 18 geht er nach Solingen, alte Meister bringen ihm das bei, was heute selbst in der Klingenstadt kaum noch jemand kann – den legendären Solinger Dünnschliff. Als Lehmann die Bearbeitung des Stahls am Wasserstein beherrscht, darf er auch Rasiermesser und Mensurklingen schärfen – höchste Weihen für einen Handwerker. 1949 Rückkehr nach Berlin, Meisterschule, Selbstständigkeit.
Als Werner LehmannMagazin Garcon Nr.25 70 wurde, dachte er zum ersten Mal daran, die Schleiferei abzugeben. Doch seine drei Söhne hatten längst ihren beruflichen Weg gewählt, und einen anderen Nachfolger konnte der Meister nicht finden. Täglich auf einem kniehohen Hocker am Schleifstein sitzen, wer will das im Automatenzeitalter schon noch.

Peter Frühsammers Geburtstagsrede jedenfalls spricht allen aus dem Herzen: „Ich bin mir nicht sicher, was ich Ihnen wünschen soll, einen gemütlichen Ruhestand, den Sie sich redlich verdient hätten oder noch ein paar Jahre Schaffenskraft, damit Sie weiter Messer für uns Köche schleifen können. Auf jeden Fall großen Respekt und vielen Dank für die immer scharfen Messer.“

Solinger Schleiferei

Zoppoter Straße 11
14199 Berlin-Schmargendorf
Tel. 030 – 824 49 03

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Die Autorin ist seit 10 Jahren im Auftrag für gutes Essen und Trinken unterwegs.