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Interview in Massarosa

Das Rathaus von Massarosa, einer von sieben Gemeinden – hier heißt es Kommunen – der Versilia, der historischen Landschaft in der nordwestlichen Toskana zwischen dem Tyrrhenischen Meer und den Apuanischen Alpen. Die Gemeinde erstreckt sich über rund 69 Quadratkilometer und zählt 22.500 Einwohner in 16 sogenannten Frazioni, Ortsteilen. Ich bin mit Bürgermeister Franco Mungai verabredet, einem Mann, der die Entwicklung des Tourismus in seiner Gemeinde zur Chefsache gemacht hat – eines Tourismus, der auch ohne massive Eingriffe in die Landschaft funktioniert, der auf die Deformierung kleiner Dörfer verzichtet und sich nicht an dem vielerorts auch in Italien üblichen rücksichtslosen Rekordrennen um Besucher beteiligt. Mungai ist ein ebenso freundlicher wie bedächtiger Lokalpolitiker. Das Bunte, Grelle, Laute überlässt er lieber den benachbarten Küstenstädten Viareggio und Forte dei Marmi. Ich konfrontiere den Signore Sindaco mit einem touristischen Slogan, den ich jüngst in Osttirol hörte: Kommen Sie zu uns, wir haben nichts.

 

Franco Mungai – Bürgermeister

Der 60-Jährige ist gelernter Vermessungstechniker und seit 2009 Chef Bürgermeister Massarosa006im Rathaus der Toskana-Gemeinde Massarosa. Ein Ehrenamt mitten in der Krise, das den ganzen Mann fordert. Hauptberuflich arbeitet der Signore Sindaco in einem groß angelegten Restaurierungsprojekt der mittelalterlichen Stadtbefestigungen seiner Heimatstadt Lucca. Gut für beide Jobs: Er kann mit Geld umgehen, kein Wunder als Hobby-Numismatiker.

Trifft dieser Slogan auch auf Ihre Gemeinde zu?
Erstmal ist das ein koketter Spruch, der sicher seine Wirkung nicht verfehlt. Wir sagen lieber ‚luoghi da vivere‘. Frei übersetzt heißt das soviel wie ‚Orte an denen man etwas erleben kann‘.

Welche Erlebnisse bietet denn Massarosa?
Ich glaube, dass heute, in einer Zeit des weltweiten Massentourismus, die Schönheit der Natur, die Ruhe, die eine Landschaft ausstrahlt, die Möglichkeiten sportlicher Betätigung, Wandern, Paddeln, Fahrradfahren durchaus einen hohen Erlebniswert haben. Auf diese Erkenntnis bauen wir, indem wir den sanften, nachhaltigen Tourismus weiterentwickeln wollen.

Nehmen wir erstmal den Status quo. Was haben Sie denn heute touristisch bereits zu bieten?
Sie können auf dem Territorium unserer Gemeinde eine reizvolle historische Kulturlandschaft erleben, uralte Olivenhaine, eine üppige Natur mit herrlichen Panoramablicken, antiken Ausgrabungsstätten, historischen Villen und sehenswerten Kirchen, etwa die romanische Kirche von Pieve a Elici, die bereits in einer Urkunde aus dem Jahr 862 erwähnt wurde. Wunderschön ist auch das Gebiet des Lago di Massaciucoli, ein ausgedehntes Vogelschutzgebiet, das man zum Beispiel bei einer Bootsrundfahrt entdecken kann. Alle diese Orte haben einen verborgenen Zauber, den Sie entdecken können.

Und wo wollen Sie, sagen wir mal in fünf Jahren stehen?
Unser Ziel ist es, in fünf Jahren eines der wichtigsten touristischen Zentren in der Provinz Lucca zu sein.

Welche Projekte nehmen Sie dafür in Angriff?
Im Haushalt unserer Gemeinde sind 21 Millionen Euro für die kommunalen Aufgaben eingestellt, das ist nicht viel Geld für die vielen Dinge, die wir zu bewältigen haben. Besonders erschwert die hohe Arbeitslosigkeit – derzeit sind es 20 Prozent – unsere Tätigkeit. Dennoch wollen wir in absehbarer Zeit neue Wander- und Fahrradwege anlegen, damit Touristen auf diese Art das Territorium unserer Gemeinde entdecken können. Wir haben auch geplant, einen Teil der vielen Kanäle am Lago di Massaciucoli wieder so herzurichten, dass Sie beispielsweise mit Paddelbooten befahren werden können.

Wieviele Touristen kommen denn eigentlich nach Massarosa?
In den letzten Jahren ist die Zahl auf immerhin 34.000 gestiegen, über 60 Prozent davon kommen übrigens aus dem Ausland, viele davon natürlich etwa zu den Klassikkonzerten des Musikfestivals von Pieve a Elici oder zum Massarosa Jazz Fest, um nur zwei Beispiele herausragender kultureller Veranstaltungen in unserer Gemeinde zu nennen. Großen Zuspruch vor allem bei ausländischen Besuchern findet auch der archäologische Park ‚Buca delle Fate‘ in der Nähe von Piano di Mommio mit seinen eindrucksvollen Höhlen aus prähistorischer Zeit oder die vielfältigen Ausstellungen. Und weil Sie sich, wie ich gelesen habe, ja viel mit Kulinarik beschäftigen, möchte ich noch erwähnen, dass in Massarosa der beste Ziegenkäse der Region und hervorragendes Olivenöl hergestellt werden.

Wie sieht es mit den Übernachtungsmöglichkeiten aus?
Die Bettenzahl hat sich auf 470 im letzten Jahr erhöht. Leider konstatieren wir aber auch ’schwarze‘ Übernachtungen, durch die der Gemeinde Steuergelder verloren gehen. Deshalb haben wir den illegalen Beherbergungen den Kampf angesagt und unterstützen die redlichen Unternehmer, wo wir können. Auch dadurch zum Beispiel, dass wir versuchen, die Bürokratie in diesem Bereich abbauen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Bürgermeister.

About Redaktion

Die Autorin ist seit 10 Jahren im Auftrag für gutes Essen und Trinken unterwegs.

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