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Berliner Weiße

Samstagabend in Moabit. Die Arminiusstraße wirkt wie eine Tatortkulisse. Nieselregen, pfützenübersätes Kopfsteinpflaster, Laternenfunzellicht, das sich darin spiegelt, Menschenleere. Moabit ist eben nicht Kreuzberg. Das mag wohl auch ein Grund dafür sein, dass die Markthalle Neun so viel angesagter ist als die Arminiusmarkthalle, sicher nicht der einzige, aber ein gewichtiger.

Die Berlin Beer Academy und Slow Food wählten diesen Ort dennoch für ihren 2. Berliner Weiße-Gipfel und lagen damit nicht so falsch. Rund 200 Fans des sauren Weißbieres  kamen in die Moabiter Halle, zumeist junge Leute, um an den Ständen von Bogk, Brewbaker und Co. dem 2.0-Getränk zu huldigen.
Zwei Craft-Brauer aus Berlin und Köln hatten eigens dafür eine Gipfel-Weiße 2015 kreiert – ein Vollbier mit 12% Stammwürze und 4,8 Vol.-% Alkohol – eingebraut mit Pilsner und Wiener Malz, Weizenmalz, einem Hauch Whisky-Malz, das über Torf geräuchert wurde und einer Prise Bio-Steinsalz – vergoren mit Ale-Hefen, Milchsäurebakterien und Brettanomyces, einem speziellen, aromabildenden Hefestamm.

Die Meinungen der Tester waren einhellig: „Frisch, lecker, anders.“ „Dieses Gebräu hat das Zeug, ein Kultbier zu werden“, meinte ein bekannter bieraffiner Berliner Autor und seine Begleiterin ergänzte: „Man schmeckt das Craftige, Subtile.“ Kluge Frau. Tatsächlich zeigte das, was die sieben Handwerksbrauereien aus Berlin, Potsdam, Bonn, Düsseldorf und Leipzig in die Probiergläser gossen, wie vielfältig die Brauspezialität sein kann und wie unterschiedlich im Geschmack. „Kein Vergleich zur Industrie-Weißen, der nicht nur Geschmack, sondern auch jeglicher Charakter fehlt“, so ein Berliner Slow-Food-Mann.

Die Organisation hatte im Oktober 2014 die Berliner Weiße als 51. deutschen Passagier in ihre Arche des Geschmacks aufgenommen, wo es als erstes Bier neben alten Obst- und Gemüsesorten, vom Aussterben bedrohten Nutztierrassen und anderen selten gewordenen Lebensmittel einen Platz gefunden hat. Das Motto „Essen und trinken, was man erhalten will“ gilt gleichermaßen etwa für das Teltower Rübchen, das Angler Sattelschwein und die Nordhessische Ahle Wurst – ohne Slow Food wahrscheinlich längst ausgestorben, vergessen oder kompatibel gemacht.

Das Rübchen widersetzt sich extensiver Landwirtschaft, das Sattelschwein ist ungeeignet für die Massentierhaltung, und die Ahle Wurst lässt sich mit den industriellen Methoden der Fleischwarenproduktion nicht herstellen. Off Mainstream also. Allerdings nicht ohne Chance. Auch in Deutschland setzen immer mehr Köche auf Lebensmittel, von denen sie wissen, woher sie stammen, wie sie erzeugt wurden und von wem. Und immer mehr Verbraucher treibt die Sehnsucht nach Verortung und Handwerk um. „Mein Essen ist Ausdruck der Sorge um meinen Körper und meine Seele und Ausdruck meiner bescheidenen Solidarität für eine Produktion jenseits der globalen Konzerne.“ So oder so ähnlich hört man es. Das ist noch kleine Massenmeinung, aber ein gutes Zeichen – auch für die Berliner Weiße.

Die Berliner U-Bahnhöfe sind – von wenigen Ausnahmen abgesehen – keine architektonischen Kostbarkeiten, sondern Haltestellen. Aussteigen, einsteigen, umsteigen. Dennoch bieten einige von ihnen Besonderes, beispielsweise die Station Weberwiese. Seit Ende April erzählen hier 18 große Tafeln, was in der Stadt einst entdeckt und erfunden wurde.Wie etwa die Litfasssäule, die Thermosflasche und – die Berliner Weiße.

Berliner Weizenbier

Passagiere die die Wartezeiten nicht mit stierem Blick auf ihr iPad verbringen wollen, können erfahren, dass der Brauer Cord Broihan aus Halberstadt 1526 ein Weizenbier erfand, das unter dem Namen „Halberstädter Broihan“ bald in Norddeutschland bekannt wurde. Berliner Brauern gelang es, die Rezeptur weiterzuentwickeln. Das „Berlinerische Weizenbier“ war geboren, in einer Urkunde aus dem Jahr 1680 wurde es zum ersten Mal offiziell erwähnt. Im 17. Jahrhundert entwickelte es sich zum Lieblingsgetränk der Berliner, Brau -und Schankstatten für die Weiße hatten Konjuktur. Die Hoch-Zeit endete, als die untergärigen Biere nach Pilsener Brauart aufkamen.

 

About Redaktion

Die Autorin ist seit 10 Jahren im Auftrag für gutes Essen und Trinken unterwegs.

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