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Frau Zeller backt – in der Markthalle Neun

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Markthalle Neun

Die Annonce zu Markthalle Neun, die kam von Nikolaus Driessen, Florian Niedermeier und Bernd Maier. Das Trio hatte 2011 mit Unter­stützung einer Anwohnerinitiative die 1891 erbaute Kreuzberger Markthalle Neun übernommen und so die Umwandlung des denkmal­geschützten preußischen Klinkerbaus in ein Supermarktcenter verhindert. Ihr Konzept des „Anders-Einkaufens“ und „Anders-Essens“ klang nicht nur gut, sondern war es auch und ist es noch immer: regional, saisonal, fair, nachhaltig und was es sonst noch braucht, um Essensschätzer anzuziehen.

Und genau dafür suchten die drei Hallen­betreiber im Herbst 2011 geeignete Händler. „Die Wiederansiedlung des kleinteiligen Lebensmittelhandels und -handwerks hat die Wieder­aneignung der Halle als lebendigen Ort im Quartier zum Ziel“, hieß es. Das überzeugte Annette Zeller. Sie kündigte ihren Manufactum-Job, richtete im Keller ihres Hauses eine Backstube ein und im Internet die Seite www.frauzeller.de und setzte auf die schon von ihrem Vater gespielten Karten: handwerk­liches Können, traditionelle Rezepte, beste Zutaten, geschmackliche Stärke. Und auf eine Prise Originalität. Um Himmelswillen aber kein Chichi, weder Goldstaub noch Glitzerperlen. Stattdessen Gaumen­gemütlichkeit. Sie liebt dieses Wort.

„Als gebe es danach keinen mehr“

„Ich backe für meine Kunden wie für Freunde oder die Familie“, sagte sie uns, als wir sie am 1. Oktober 2011 in der Markthalle besuchten, um ein Interview zu führen. Dass es erstmal nicht wie geplant zu­stande kam, lag vor allem daran, dass sich so viele Menschen um ihren winzigen Stand drängten und Kuchen kauften als gäbe es zum letzten Mal welchen. „Vier Torten-Sorten – Apfel-Sauerrahm, Käse-Mohn, Schoko-Feige-Ingwer und Zitronen-Wolke sowie ein bisschen Gebäck hatte ich an diesem ersten Markttag dabei“, erinnert sich Annette Zeller. Der Sturm auf das Kuchenbuffet bescherte ihr binnen weniger Stunden gähnende Leere in den Vitrinen – die meisten von denen, die damals kamen, sind heute Stammkunden.

Die Kreuzberger Malerin Bettina Düesberg beispielsweise entdeckte an diesem Tag Annette Zellers Wolkentorte: „Meine Großmutter in Tübingen hat eine ähnliche Torte gebacken, sie erinnert mich deshalb an meine Kindheit und ist wie ein Schlüssel zur Heimat.“

Für den Juristen David Richter, ebenfalls vor zehn Jahren schon Annette Zellers Kunde, war es von Anfang an die zuverlässige hand­werkliche Qualität, die zählte: „Ihr Shortbread ist einfach geschmacklich besser als das schottische Original.“ zur „Kuchenkönigin der Markthalle Neun“ wurde Sie ernannt, die Kunden kamen bald sogar von weit her. Das sprach einerseits für die Güte ihrer Back­waren, andererseits aber auch gegen die Fertigung in der heimischen Bohnsdorfer Backstube und die Fahrt ins 16 Kilometer entfernte Kreuzberg.

Früh morgens Kuchenkisten einladen, transportieren, Kuchenkisten ausladen, Stand aufbauen, verkaufen und spät nach­mittags wieder Kuchenkisten einladen, transportieren, Kuchenkisten ausladen – die frei- und samstäglichen Markttage waren für Annette Zeller Stresstage.

Schon früh träumte die praktisch veranlagte Bäckermeisterin deshalb von einer eigenen Markthallenbäckerei. „Der Wille war immer da, aber der Platz fehlte“, sagt sie. Ihr Frust darüber wuchs, und man hörte von der sonst so fröhlichen Frau schon mal Sätze wie: „Entweder bauen oder gehen, eine andere Alternative gibt es nicht.“ Doch wie das so ist im Leben – erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Und dann geht alles auch noch ganzschnell.

Im Februar 2021 verschickte Annette Zeller eine Jubel-Mail: „Hurra, wir bauen!!! Die Tofu Tussis und La Cazuela sind Ende des Jahres ausgezogen. Ich habe beide Hallen-Stände und die Küche im Keller übernommen. Endlich kann’s losgehen!!!“

Ein mutiger Schritt

Viele beglückwünschten sie zu der mutigen Entscheidung, aber auch die Bedenkenträger traten auf den Plan. „Vollgas mit 55? In dem Alter sollte man lieber auf die Bremse treten!“ Annette Zeller konterte charmant, aber bestimmt: „Jetzt erst recht und endlich richtig!“ Dabei setzte sie auch auf ihre Intuition, obwohl Bauchgefühle in Zeiten der Rationalität nicht eben das beste Image haben. Zudem baute sie auf eine Kraft, die in unserer pragmatischen Kosten-Nutzen-Gesellschaft häufig nur noch verbal existiert.

Auf uneigennützige Unterstützung, und die bekam sie reichlich. „Familien-und-Freunde-Aktion“, so nannte sie deshalb ihr Projekt, dessen „Kronjuwel“ zweifellos die Backstube in den Katakomben der Markthalle ist. Klein, aber ausreichend, um all das unterzu­bringen, was für eine manufakturelle Backwarenproduktion nun mal nötig ist. Die Frage, wie der professionelle Backofen seinen Weg zum richtigen Platz fand, quittiert sie mit einem vielsagendem Lächeln. „Irgendwie.“

Auch ihre backende Brigade ist ein „Familien-und-Freunde-Team“: Da ist ihre Schwiegermutter Marita Reuter (s.oben.li.), ihr Schwager Federico Pomodoro, einige Tage zuvor noch als Installateur zu Gange, Gabi Bräunig, Freundin seit früheren Manufactum-Zeiten und Karen Pollicardo, Bäckerin und mindestens im Status einer guten Bekannten.

Alles, was diese Truppe aus dem Ofen holt – ob Apfel-Sauerrahm- oder Käse-Mohn-Torte, Blech-oder Rührkuchen, Johannis-oder Orangentaler, Florentiner oder Engadiner oder die legendäre Wolken­torte – ist Ergebnis meisterlicher Handwerksarbeit, ganz ohne den üblichen Deko-Kitsch, dafür aber mit unendlich viel Geschmack. A la bonne heure!

Eine Markthallen-Institution

Mein Favorit übrigens ist Annette Zellers schon erwähnte Kreuz­berger Eierschecke nach einem Uralt-Rezept von Tante Karin aus dem sächsischen Freiberg. „Die Eierschecke ist eine Kuchensorte, die zum Schaden der Menschheit auf dem Rest des Globus unbekannt geblieben ist“, lobte einst Erich Kästner die Spezialität. Wie recht der Dichter hatte! Es ist Freitag, der 30. April 2021. Die abstandshaltende und maskentragende Menschenschlange vor Annette Zellers neuer Markthallenbäckerei ist an diesem Tag länger als die am Kumpel-und-Keule-Stand, und das will was heißen.

Die Gratulationscour der Frau-Zeller-Fangemeinde. Einige haben Blumensträuße dabei, andere Sektflaschen. Wer es bisher nur ahnte, jetzt weiß er es: Annette Zeller ist in den zehn Jahren ihres Da-Seins zu einer Markthallen-Institution gewachsen, zur festen und zuverlässigen Größe an einem in Berlin einmaligen Einkaufs-, Begegnungs-und Erlebnisort, der weder etwas mit Gentrifizierung noch dessen Besuch etwas mit Geldbörsendicke zu tun hat – aber das nur am Rande und nur deshalb, weil die Debatte um den Auszug einer in der Halle beheimateten Aldi-Filiale schon groteske Züge angenommen hatte.

Und zwar so grotesk, dass einige Aldi-Anhänger sogar eine Trauerkundgebung organisierten, auf der die „Halle für alle“ symbolisch beerdigt wurde. „Es geht nicht um Er­nährung, es geht nicht um Lebensmittel, es geht um Immobilien und Profit“, hieß es da.

Auch die sonst eher zurückhaltende Kuchenfrau fühlte sich angesprochen. „Ich verwende Demeter-Eier und Bio-Dinkelmehl“, schrieb Annette Zeller in einem offenen Brief, „und Mitte des Jahres will ich auch alle Molkereiprodukte auf bio umstellen. Deshalb die Preise, die ich fair kalkuliere und die nichts mit Profitgier zu tun haben, gar nichts.“

Meine Begleiterin an diesem Tag, eine Münchenerin, hatte von der Geschichte gelesen und betrachtete deshalb die Frau-Zeller-Preis­schilder aufmerksam. Ihr Kommentar: „Wer mit zwei Euro für ein Stück Kreuzberger Eierschecke ein Problem hat, der sollte mal unsere Schrannenhalle besuchen und die Preise vergleichen.“

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