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Angekommen: Elena Chechendaieva

"Wir wollten nur noch weg..."

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Das Steglitzer Le Café war eine gastronomische Institution und blieb es auch, als Anette Baier das stilvolle Kaffeehaus in der ersten Etage eines noblen Jugenstilhauses am Zusammentreffen von Schloß und Zimmerstraße übernahm. Anwälte, Architekten Geschäftsleute, Künstler, Lehrer und Wissenschaftler sind Stammgäste hier – sie schätzen die Atmosphäre, die gutbürgerliche Offerten und den diskreten Service. Die Sehen-und-Gesehenwerden-Society bevorzugt Etablissements mit mehr Tamtam und Tralala.

Dieses Café Baier und einige Menschen, die mit der oder in ihm zu tun haben, spielen in der folgenden Geschichte über die Ukrainerin Elena Chechendaieva und ihre Familie eine wichtige Rolle. Sie wollen allerdings weder ihre Namen in der Zeitung lesen noch ein Bild von sich dort gedruckt sehen.

Wir respektieren das und nennen sie Helfer im Hintergrund, obwohl sie es verdient hätten, öffentlich genannt zu werden. Schließlich haben sie Elena Chechendaieva völlig uneigennützig und ohne die in solchen Fällen häufig üblichen großen Gesten das gegeben, was die aus Charkins geflüchtete Konditorin am dringendsten brauchte: eine gute Arbeit und eine ordentliche Wohnung…

Elena Chechendaieva
28. März 2022: Meine erste Begegnung mit Elena Chechendaieva, geflohen Ende Februar aus Charkiw.

 

Elena Chechendaieva’s Neuanfang in Berlin

Am 28. März 2022 begegne ich Elena Chechendaieva zum ersten Mal. Wir sitzen in einem Café am Olivaer Platz, die junge Frau wirkt müde und irgendwie weit weg. Kein Wunder, denke ich, nach dem, was sie in den letzten Wochen erlebt hat.
Zustande gekommen ist das Treffen übrigens durch Julia, eine Bekannte, die ein paar Wochen zuvor von einer jungen Konditorin aus Charkiw und deren Flucht nach Berlin erzählt hatte. Ich bat Julia, ein Interview zu vermitteln.
Nun sitzt mir Elena Chechendaieva also gegenüber, wir nippen an unseren Cappuccini, sie buchstabiert mir ihren Nachnamen und ich überlege, wie man ein Gespräch über Krieg und Zerstörung, Flucht und Vertreibung eigentlich beginnt – mit einer Frau, die man gerade kennengelernt hat, an einem sonnigen Montagmorgen im sicheren Berlin. Elena Chechendaieva ist es, die das Schweigen beendet. Sie zeigt auf meine Brille und fragt, ob grün meine Lieblingsfarbe sei. Als ich bejahe, weist sie auf ihren Pullover. „Meine auch, weil die Farbe Hoffnung bedeutet.“ Ihr Englisch ist hervorragend, das macht die Verständigung leicht. Wir sprechen über Persönliches. Elena ist 30, geboren und aufgewachsen in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine. Nach dem Schulabschluss folgte sie dem Wunsch ihrer Mutter und begann ein IT-Studium. „Das war mir aber zu theoretisch“, sagt sie, „nach anderthalb Jahren habe ich der Uni good bye gesagt.“

Bilder aus besseren Zeiten

Etwas Handwerkliches wollte sie machen, etwas mit Kochen und Backen, ihren beiden großen Leidenschaften. Sie beschloss, Konditorin zu werden. Eine gute Entscheidung, denn der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. 2017 eröffnete Elena Chechendaieva in ihrer Heimatstadt eine Konditorei – Che Bakery, die schnell zum Liebling vieler Charkiwer avancierte. Weil der Ansturm auf ihre Kuchen und Torten anhielt, brachte sie drei Jahre später eine zweite Konditorei an den Start, 2021 dann das Che Bakery Café im Zentrum der Millionenmetropole, nahe des Historischen Museums. Sie zeigt mir Fotos auf ihrem Smartphone (s. unten). Wie unwiederbringlich wunderbar sind solche Bilder aus besseren Zeiten: ihr kleiner bunter Laden mit Sternenhimmel-Decke, die Torten in den Vitrinen, sie selbst mit Hund Vavlya und ihrem berühmten Osterkuchen, der in der Ukraine Tvoroshnaya paska heißt. Sie swipt weiter, Kinderbilder. Drei Töchter hat sie – Kseniia, Yeseniia und Serafina – fröhliche Kinder. Normalität, Leben, Frieden.
Als am 24. Februar 2022 um 6 Uhr morgens in Charkiw Sirenen heulen, weiß Elena Chechendaieva, dass es damit jetzt vorbei ist. Im Radio hört sie, dass Russlands Präsident Putin seinen Truppen den Befehl zum Angriff auf die Ukraine gegeben hat. Als noch am gleichen Tag die ersten Bomben fallen, fassen sie und ihr Mann Wassilij den Entschluss, das Land zu verlassen. Mögliche Ziele: Deutschland, Georgien oder Zypern, weil sie diese Länder von Urlaubsreisen kennen und dort Freunde leben. Sie entscheiden sich für Berlin.

Elena Chechendaieva und ihre Familie
17. April 2022: Osterbrunch im Cafe Baier. Elena Chechendaieva, ihr Mann Wassilij und ihre Töcher Kseniia, re., Yeseniia, li. und Sefarina, Mi.

 

„Die ukrainischen Flüchtlinge wollen sich im Ausland nicht nur als Vertriebene fühlen, sondern auch als Menschen, die dazugehören, die das Leben leben und genießen wollen. Wir sind sehr auf den Willkommenswillen, die Zuvorkommenheit und Offenheit der Gastgebergesellschaften angewiesen. Das ist ein sehr kostbarer Schatz. Also bitte, seht uns nicht nur als Entrechtete, sondern auch als Teil unserer gemeinsamen europäischen Kultur – als Menschen, die diese auch leben wollen und können.“
Jurko Prochasko, ukrainischer Schriftsteller und Übersetzer am 13. März 2022 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

Elena Chechendaieva vor ihrer Bäckerei in Charkiw
Elena Chechendaieva vor ihrer Bäckerei in Charkiw

 

Elena Chechendaieva’s langer Weg nach Berlin

Der 17. April, Ostersonntag, ist der 53. Tag des Krieges. Die Zeitungen berichten von russischen Raketenangriffen auf ukrainische Städte und drucken Bilder von leeren Straßen und Barrikaden und von Menschen, die in den U-Bahn-Schächten von Kyjiw und Charkiw Schutz suchen.
„Noch vor zwei Monaten war Charkiw eine ganz normale Metropole“, sagt Elena Chechendaieva, „hip und jung, fröhlich und voller Leben. Und nun ist nichts mehr, wie es einmal war.“ Wir sitzen in der Steglitzer Schloßstraße im Café Baier. Das Café ist ein kinder- und familienfreundlicher Ort, und ich kenne die Inhaberin – deshalb habe ich Elena, ihren Mann Wassilij und die Töchter Kseniia, 11, Yeseniia, 7, und die fünfjährige Serafina hierher zum Osterbrunch eingeladen.
Wir frühstücken, Annette Baier, die Chefin, bringt den Kindern Buntstifte und Malbücher ud setzt sich zu uns. Wir sprechen über die Flucht. Wassilij Chechendaiev markiert mit dem Finger auf einer Osteuropa-Karte eine Linie zwischen Charkiw und Berlin. „Das sind rund 1.800 Kilometer“, sagt er, „normalerweise schafft man das mit dem Auto in zwei Tagen.“ Und wie lange haben sie gebraucht? „Viereinhalb.“ Er zeigt auf die ukrainisch-ungarische Grenze. „Um 22 Uhr abends waren wir hier, erst am folgenden Nachmittag konnten wir passieren. Über Ungarn, die Slowakei und Polen sind wir dann nach Berlin gefahren.“

„Obwohl nach Kriegsbeginn Männern zwischen 18 und 54 Jahren die Ausreise aus der Ukraine verboten wurde, durfte ich mit“, sagt er noch, „der Kinder wegen.“ Gefragt hatten wir danach nicht. Seine Frau berichtet über die ersten Wochen in Berlin, über Freunde, die halfen, eine Bleibe besorgten, mit Möbeln und Kleidung unterstützten, sich um die Kinder kümmerten. „Wir sind mit offenen Armen barmherzig aufgenommen worden“, fügt Elena Chechendaieva hinzu, „dafür sind wir enorm dankbar.“ Ob sie wisse, wie es um ihr Café stehe, fragt Annette Baier. „Einige meiner Mitarbeiter sind geblieben“, erzählt die ukrainische Konditorin, „und backen jetzt Brot für unsere Soldaten.“ Wieder zeigt sie Fotos. Dann ist da das Bild eines jungen Mannes in Uniform, ein Bild von der Front. Elena Chechendaievas jüngerer Bruder Ivan. „Er ist am 1. April bei der Verteidigung des Asow-Stahlwerks in Mariupol gefallen“, sagt sie leise, „er war erst 24…“.

Ein Treffen mit Elena Chechendaieva im Café Baier

Der 23. Mai 2022 ist ein Montag. Ich bin mit Elena Chechendaieva verabredet, 16 Uhr, Café Baier. In den letzten Wochen haben wir lediglich telefoniert. Ich weiß, dass sie sich bei Berlitz in Charlottenburg zum Deutschkurs angemeldet hat, dass ihre Mutter Viktoria und ihr 17-jähriger Bruder Kirill inzwischen auch in Deutschland sind, in Lübeck. Und dass ihr Vater und Vsewolod, ihr dritter Bruder, noch immer in Charkiw sind. Eine zerrissene Familie, eine Familie im Ausnahmezustand.

Und wir haben viel über Butscha gesprochen, über das, was sich während der 33 Tage russischer Besetzung vom 27. Februar bis zum 31. März dort ereignete. „Einige der Russlandversteher in Deutschland begreifen hoffentlich jetzt, worum es Putin in diesem Krieg geht“, hatte sie mir gesagt, „sein Ziel ist unsere Vernichtung.“

Später lese ich in Katrins Eigendorfs Buch „Putins Krieg“ über den Aufenthalt der ZDF-Korrespondentin am 4. April 2022 in Butscha: „Dieser 4. April 2022 wird zu einem Tag, der die Wahrnehmung des russischen Angriffskrieges in der Ukraine verändert – auch meine eigene. Was wir in den Orten im Norden des Landes sehen, aus denen sich die russische Armee am 31. März zurückgezogen hat, offenbart erstmals den wahren Charakter des Krieges, den Putin gegen die Ukrainer:innen führt. Es zeigt die enthemmte Grausamkeit und Entmenschlichung der Soldaten, die für den Kreml morden, vergewaltigen und plündern.“

Und dann?

Annette Baier, die Inhaberin des gleichnamigen Cafés, ist erstaunt, dass ich an diesem 23. Mai in ihr Kaffeehaus komme. „Elena hat mich eingeladen“, erwidere ich auf die entsprechende Frage. „Eigentlich war der Termin heute nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, auch nicht für dich“, so Annette Baier. Ich erfahre schließlich, dass es ein besonderer Tag ist und darf sogar ein paar Fotos machen: Elena Chechendaieva und Annette Baier unterschreiben Elenas Arbeitsvertrag als Konditorin im Café Baier.

 Elena Chechendaieva
23. Mai 2022: Die Konditorin Elena Chechendaieva unterschreibt einen Arbeitsvertrag, re. Cafe-Baier-Betreiberin Annette Baier.

 

Café Baier
Schlossstraße 26
12163 Berlin-Steglitz
Tel. 030 – 22 02 27 04
www.cafe-baier.com

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