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Unser Berliner Teller in der Trattoria Da Balistreri

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Filetti di acciughe con pomodori e cipolle, so heißt das Gericht auf dem Titelbild

Balistreris – italienische Sardellen – werden ausschließlich zwischen Mai und Juni vor der sizilianischen Küste gefangenen und gelten als ausgesprochene Delikatesse, nicht nur in Italien.

Wir entdecken die herzhaft fischigen Mini-Heringe – mal nicht zu einer bräunlichen Paste zerkocht, um als Aroma-Diener langweilige Saucen zu tunen, sondern in Öl eingelegt und in große Gläser geschichtet – schon im letzten Herbst bei einem gemütlichen Kiez-Italiener am Mierendorffplatz im nördlichen Charlottenburg.

Der Padrone drapierte die kopflosen Fischchen sorgfältig mit vollreifen San-Marzano-Tomaten, roten Trofea-Zwiebeln und Basilikum auf einem Teller, würzte mit Salz, Pfeffer und einem Hauch Zitronenabrieb und servierte seine schnelle Köstlichkeit mit einem Satz, der uns aus der Seele sprach: „Die Kunst liegt in der Einfachheit.” Filetti di acciughe con pomodori e cipolle – unser Berliner Teller!

Rund um den Mierendorffplatz – 1950 nach Carlo Mierendorff (1887-1943), SPD-Reichstagsabgeordneter und Verbindungsmann seiner Partei zur Widerstandsgruppe „Kreisauer Kreis“ benannt – gibt es einige Adressen, deretwegen Menschen auch von weiter her in den Norden Charlottenburgs kommen. Da ist die Außenstelle der Universität der Künste mit ihren Fakultäten für Darstellende Kunst, Gesang und Musiktheater; schräg gegenüber befindet sich der 1913 gegründete Gas-Wasser-Sch…öne Bäder-Meisterbetrieb Schwarzwälder mit seiner spektakulären Schaufenster-Ausstellung von Objekten zur Verrichtung der menschlichen Notdurft und einige Ecken weiter das vor 42 Jahren von Hartmut und Jonas Weidemann eröffnete und bei Freaks dieses Metiers außerordentlich angesagte Traditionsgeschäft Modellbahnen am Mierendorffplatz.

Hinzu kommen ein gutes Dutzend kulinarischer Adressen: Bars und Cafés, persische, türkische und vietnamesische Küche. Platzhirsch allerdings ist ein Italiener, der die ohnehin äußert italo-minded Charlottenburger vom Eröffnungstag an begeisterte: das Da Balistreri, eine Mischung aus Bistro, Feinkostladen und Vinothek.

Chef des charmanten Nachbarschaftslokals ist Marcello Balistreri, der gemeinsam mit seiner Schwester Margherita den Service managt. In der Küche agiert ihr Onkel Tanino und im Hintergrung zieht Vater Giuseppe – gastronomisches Urgestein in Charlottenburg (worüber noch zu sprechen sein wird) – immer noch ein bisschen die Strippen. Die Wurzeln der Familie liegen in Aspra, früher ein eigenständiges Dorf, heute ein Stadtteil von Bagheria, jener Stadt im Norden Siziliens, von der schon die Rede war (s. Seite 54). Und die Berliner Balistreris sind über ein paar Ecken mit der Familie des Sardellenfabrikanten Michelangelo Balistreri verwandt – kein Wunder also, dass am Mierendorffplatz die berühmte sizilianische Delikatesse jederzeit zu haben ist, während man beispielsweise im KaDeWe danach vergeblich fragt.

Das Balistreri öffnet wochentags um 10.00 Uhr und schließt um 20.00 Uhr – die Tageszeit bestimmt, welche Gäste kommen. Morgens sind es meist junge Leute, die auf einen schnellen Espresso und ein Panino hereinschneien, mittags drängen sich vor allem Dozenten und Studenten der nahen Kunst-Uni, um Antipasti-Teller oder Pasta-Gerichte zu bestellen, und abends gönnen sich viele Geschäftsleute hier einen Feierabendwein.

Hinter den Tresen, in den beiden Gaststuben und auf der Straßenterrasse agieren die Geschwister Marcello und Margherita Balistreri, beide in Berlin geboren und auch hier ausgebildet. Der 53-jährige Marcello ist Groß- und Außenhandelskaufmann von Beruf, seine vier Jahre jüngere Schwester Margherita staatlich geprüfte Kosmetikerin, die Gastronomie wurde ihnen sozusagen in die Wiege gelegt.

Margherita Balistreri ist für die Panini zuständig, eine Art belegter Semmeln, die sie in zehn Varianten zubereitet: auf das Panino Toscano etwa kommen Rosmarinschinken und Bel Paese, ein weicher, zart säuerlicher Butterkäse; das Panino Marcello ist mit Mozzarella und Thunfisch belegt und das Panino Zia Nina mit gegrilltem Gemüse. Ihr Bruder, der sich neben tausend anderen Dingen auch um das Weinangebot des Ladens kümmert, empfiehlt dazu einen Salinaro Grillo von Carlo Pellegrino, einen auf Sizilien beliebten Sommerwein mit schönen Zitrusnoten. Die Freundlichkeit, mit der er das tut und mit der auch seine Schwester ihre Panini serviert, ist nicht gespielt. Ja, im Da Balistreri stellt es sich schnell ein, dieses heimelige, längst zum Italienklischee geronnene Gefühl, bei Freunden zu Gast zu sein.

Panini zum Niederknien und zum Mitnehmen: Antipasti, straight und gut – süditalienische Spezialitäten von himmelschreiender Köstlichkeit – mit dem Da Balistreri hat der Mierendorffplatz einen weiteren Stupser in Richtung Internationalität bekommen. Und nun macht auch die grün-weiß-rote Kachelung des U-Bahnhofs gleich um die Ecke einen Sinn…

Marcello, Tanino, Giuseppe und Margherita Balistreri, v.li.

 

Die Karte im Da Balistreri ist nicht übermäßig lang: sieben, acht Antipasti, fünf Pasta-, zwei Fleischgerichte, verschiedene Salate, ein Dessert. Doch jede dieser Speisen ist mit so viel Liebe und Verstand gekocht, dass ein Mehr an Auswahl eher Skepsis schüren würde. Und: Bei so viel kulinarischer Kuscheligkeit vermutet man in der Küche natürlich eine erfahrene „Massaia“, eine echte italienische Hausfrau, die gar nicht anders kann, als voll und ganz auf diese beiden wenig gegenständlichen Grundzutaten zu setzen.
„Irrtum“, sagt der Mann am Herd, „die Massaia bin ich!“ Er stoppt mit einem Knopfdruck den raumfüllenden Adriano-Celentano-Sound und stellt sich vor: „Hallo, ich bin Pico!“

Der sportliche Mittsechziger mit dem lässigen Basecap auf den grauen Locken heißt mit bürgerlichem Namen Tanino Balistreri, ist gebürtig in Palermo und Koch von Beruf. Ende der 1980er kam er nach Berlin, half seinem Bruder Giuseppe in dessen Salumeria und eröffnete gemeinsam mit ihm die Osteria da Tano (s. Seite 62)…
Streng genommen ist seine traditionelle Regionalküche – Gütesiegel für authentische Rezepte und unverfälschten Geschmack – eine „cucina povera“, eine Arme-Leute-Küche, die das Produkt hofiert und ohne Chichi und Tamtam auskommt. Das ist zwar nichts für diverse Restaurantkritiker, die permanent den ultimativen Kick suchen, aber den Leuten schmeckt´s. Er weist auf die leeren Schüsseln in den Vitrinen: „Was willst du mehr?“

Der 76- jährige Giuseppe Balistreri ist das Familienoberhaupt der Berliner Balistreri. 1976 verließ er sein Heimatdorf Aspra, kam nach Deutschland, jobbte als Pizzabäcker, sparte eisern und brachte es so zu einer eigenen Salumeria in der Charlottenburger Joachim-Friedrich-Straße. Das Geschäft mit italienischen Feinkostprodukten lief so gut, das sich Giuseppe Balistreri – gemeinsam mit seinem Bruder – einige Jahre später seinen Wunsch vom eigenen Restaurant erfüllen konnte. 1999 eröffneten sie nur ein paar Häuser weiter ihre Osteria da Tano, die mit ehrlicher Italianità und heimeliger Wohlfühlküche schnell viele Freunde fand. Nach 22 Jahren dann ein doppelter Schock: zuerst die coronalen Einschränkungen, dann eine Mieterhöhung, die sich gewaschen hatte.

Schweren Herzens beschloss die Familie, die Osteria zu schließen. „Wir bedanken uns bei allen Gästen, von denen die meisten zu Freunden und viele sogar Teil der Familie wurden“, schrieben die Balistreris damals und formulierten auch die Hoffnung, dass es „zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort“ weitergehen werde. Im Jahr darauf übernahmen sie dann einen leer stehenden Laden am Mierendorffplatz und wagten den Neustart. „Bei uns erwarten Sie ein täglich wechselndes Angebot an warmen und kalten Speisen zum Verzehr vor Ort oder zum Mitnehmen sowie ein reichhaltiges Angebot an italienischen Lebensmitteln und Weinen“, so die Einladung an den Mierendorffkiez, und Giuseppe Balistreri, obwohl längst pensioniert, mischt weiter mit.

 

Das Geschäft des 76-Jährigen ist es, italienische Lebensmittel an den Mierendorffplatz zu holen, die nicht in jedem Berliner Supermarktregal stehen. Von den Acciughe sott’olio oder sotto sale, den legendären Sardellen in Öl oder Salz aus Bagheria, war schon die Rede, weil sie zweifelsohne das Flaggschiff des Balistreri-Feinkostangebotes sind. Ihnen folgen die super fruchtigen Sicilyum-Fruchtaufstriche aus einer Manufaktur in Belpasso, angeführt von der Confettura extra di Fichi und der Marmellata di Limoni; ein erstklassiges sizilianisches Olivenöl aus dem im Süden der Provinz Palermo gelegenen Dörfchen Chiusa Sclafani sowie diverse Sizilien-Spezialitäten in Konserven: Caponata di carciofi, Estratto di pomodoro, Sugo al basilico, Condimento per pasta con finocchietto e sarde – Sicilia per tutti!
Giuseppe Balistreris feinköstliches Netzwerk beschränkt sich natürlich nicht auf seine heimatliche Insel, sondern reicht auch in die Nachbarregionen Kalabrien, Kampanien, Apulien und die Basilikata. Aus Margherita di Savoia in der apulischen Provinz Foggia beispielsweise holt er das beliebte Sale Marino dell’Adriatico, ein reines, feines Meersalz nach Berlin, und aus dem kampanischen Gragnano, einem Ort in Sichtweite des Vesuv, bezieht er verschiedene Pastasorten. Das Geheimnis ihrer Qualität, die auch viele Sterneköche schätzen, ist übrigens die Güte der materia prima – hochwertiger Hartweizengrieß und gutes Bergquellwasser – die Pressung durch archaische Bronzesiebe sowie die Verlässlichkeit aller anderen Bedingungen, von der Verfügbarkeit des Wassers bis zum Wetter.

 

 

Da Balistreri

Mierendorffpl. 8
10589 Berlin

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