Knäckebrot – auch eine berliner Geschichte

Die Idee, ein Brot zu backen, das sich für die Dauer langer skandinavischer Winter konservieren lässt, stammt aus den dünn besiedelten Regionen Mittelschwedens und ist gut 500 Jahre alt. Das Ergebnis, ein dünnes, meist aus Vollkorngetreide hergestelltes, getrocknetes Brot, nannten die Nordländer hårt bröd oder eben knäcke bröd. Nach Deutschland kam das kalorienarme Backwerk erst ein paar Jahrhunderte später. 1927 gründete der Chemiker Dr. Wilhelm Kraft auf dem Gelände einer stillgelegten Brauerei in Berlin-Lichterfelde die Ersten Deutschen Knäckebrotwerke und brachte noch im Herbst des gleichen Jahres Krafts Knäckebrot auf den Markt.

Die Kreationen Hausbrot (H), Delikatessbrot (D) und Kümmelbrot (K) trafen den Nerv der Verbraucher; in seinem Aufsatz „Wahrheiten über das Brot“ (1928) schrieb der Unternehmer von begeisterter Aufnahme und rascher Verbreitung, auch in anderen Ländern „Vor allem in den Vereinigten Staaten, in England und der Schweiz ,marschiert´ das Knäckebrot!“

Wilhelm Kraft, geboren 1887 im württembergischen Waiblingen. Chemiestudium in München und Tübingen. 1908 Promotion in Würzburg zum Dr. phil., Arbeit als Lebensmittelchemiker in Schweden und erste Bekanntschaft mit dem dort allgegenwärtigen Knäckebrot. 1927 Gründung der Ersten Deutschen Knäckebrotwerke in Berlin, ab 1931 schrittweise Verlagerung der Produktion nach Burg bei Magdeburg. 1938 Verkauf seiner Firmenanteile an Josef Pravida. Endgültige Übersiedlung in die Schweiz, nachdem er bereits Jahre zuvor zeitweilig dort lebte. Der deutsche Knäckebrotpionier starb 1981 auf der griechischen Insel Korfu.

Der Knäckebrot-Historiker Dietrich Seidlitz

Die Bilder und die meisten Informationen über die Lebensstationen des Gründers der Ersten Deutschen Knäckebrotwerke in Berlin-Lichtenfelde verdanken wir dem pensionierten Elektro-Ingenieur und passionierten Heimatforscher Dietrich Seidlitz. Der 85-jährige Berliner, geboren in Karlshorst, aufgewachsen in Steglitz und heute in Lankwitz zu Hause, interessierte sich schon als Schüler für – wie er sagt – „Orte, die irgendwann aus der Geschichte herausgefallen sind.“

Später wurde daraus eine aufwändige Freizeitbeschäftigung, zumal er seine häufig jahrelangen Recherchen auch publizierte. So veröffentlichte er in der Reihe „Heimatkundliches Schrifttum“ zum Beispiel Aufsätze über den jüdischen Messgeräte-Fabrikanten Robert Abrahamsohn aus Lankwitz, über die Lichtenberger Sauerkohlproduzenten Albert und Max Ebel sowie eben über den Chemiker Wilhelm Kraft, der das Knäckebrot in Deutschland hoffähig machte.

In seiner 2014 erschienenen Broschüre über Krafts Wirken in Berlin hat Spurensucher Dietrich Seidlitz viel in Vergessenheit Geratenes zu Tage gefördert – sowohl dessen Leben als auch die Entwicklung seines Unternehmens betreffend. So lesen wir zum Beispiel, dass Wilhelm Kraft nicht nur ein weitsichtiger Firmenlenker, sondern offenbar auch ein gewiefter Werbestratege war, der jede Möglichkeit nutzte, um sein Knäckebrot bekannter zu machen.

Und wir erfahren einige der Gründe, weshalb er sich bereits zwei Jahre nach dem Produktionsstart in Lichterfelde von der Werksleitung zurückzog, später in die Schweiz übersiedelte und 1938 endgültig aus dem Unternehmen ausschied. „Einerseits“, so Heimatforscher Seidlitz, „ertaubte er infolge eines kriegsbedingten Gehörleidens – Kraft war im 1. Weltkrieg Flugzeugführer – bereits im Laufe des Jahres 1928 zunehmend, andererseits konnte er sich mit der politischen Entwicklung in Deutschland wohl auch nicht anfreunden.“ In diesem Zusammenhang zitiert er Krafts Tochter Astrid, die 2010 in ihren Erinnerungen über ihren Vater schrieb: „So rechtskonservativ seine Ansichten für heutige Begriffe auch waren, so wenig hielt er von den Nazis.“

Zu einem modernen Knäckebrot-Produzenten aus Berlin geht es hier: KnäckeZeit

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