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Der EUREF-Campus

Und ein Interview mit dem Chef Reinhard Müller

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Hans Baluschek wurde 1870 als Sohn eines Eisenbahningenieurs in Breslau geboren, sechs Jahre später zog die Familie nach Berlin. Baluschek besuchte das Askanische Gymnasium und studierte nach dem Abitur an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste Malerei. 1893 schloss er sein Studium ab und ließ sich als freier Künstler in Schöneberg nieder, damals noch eine 30.000-Einwohner-Landgemeinde vor den Toren von Berlin.

„Synthetischer Realismus“

1898 gehörte er neben Käthe Kollwitz, Max Liebermann und Walter Leistikow zu den Gründern der Künstlergruppe „Berliner Secession“. Dennoch wurde Baluschek  kunstgeschichtlich eher stiefmütterlich behandelt und musste viele Schmähungen einstecken.

Kaiser Wilhelm Ⅱ. diffamierte ihn als „Rinnsteinkünstler“, für den zeitgenössischen Kritiker Willy Pastor hatten Baluscheks Bilder „zu wenig Parfüm und zu viel Pfütze“ und sein Malerkollege Max Beckmann schließlich urteilte ebenso verachtend wie bewundernd: „Schade, der Kerl hat so famose Einfälle, zu dumm, dass er wie ein farbiger Photograph arbeitet.“ Fabian Reifferscheidt, Kurator des Berliner Bröhan-Museums, das vor zwei Jahren dem Künstler anlässlich seines 150. Geburtstages eine Werkschau widmete, fand einen neuen Zugang zu Hans Baluschek, den er unter die Überschrift „synthetischer Realismus“ stellte.

Der Gasometer als Lieblingsmotiv

Der Maler war ein scharfer Beobachter und ein Chronist seiner Zeit. In Dutzenden Bildern hielt er die Industriemetropole Berlin von der Jahrhundertwende bis zum Ende der Weimarer Republik fest: Eisenbahnen, Mietskasernen, Fabrikanlagen, der Alltag der Arbeiterschicht waren seine bevorzugten Themen. Dass der Schöneberger Gasometer und dessen Umgebung so oft Gegenstand seiner Bilder wurden, liegt in erster Linie daran, dass Baluschek jahrelang in unmittelbarer Nachbarschaft des zwischen 1908 und 1920 erbauten stählernen Riesen wohnte, der mit einem Volumen von bis zu 160.000 Kubikmetern zu den drei größten Gasometern Europas gehörte. Cheruskerstraße 5, Vorbergstraße 5, Akazienstraße 30, Hauptstraße 34/35 – das waren einige von Hans Baluscheks Schöneberger Adressen. Und auch von seinem späteren Atelier in den Cäciliengärten aus hatte er einen Blick auf die Bahngleise, das Gaswerk und den Gasometer …

Das Ende mit dem Gaswerk und der Anfang mit dem EUREF-Campus

1946, elf Jahre nach Hans Baluscheks Tod, wurde das Gaswerk Schöneberg abgeschaltet, der Gasometer wird allerdings auch weiterhin als Gasspeicher genutzt – bis die GASAG 1995 auf die Fernversorgung mit Erdgas umstellte. 2007 schließlich verkaufte das Unternehmen das Denkmal hauptstädtischer Industriegeschichte an die EUREF AG – und es avancierte zum Wahrzeichen des neuen Schöneberger Campus, auf dessen Gelände es inzwischen – unser Thema – auch gute Gastronomie gibt. Wir besuchten einige Restaurants des Campus, unter anderem das the CORD, Schmiede da Pino, Grüns, Bamboo Bay und die Gorilla Bäckerei.

Interview mit Reinhard Müller

Reinhard Müller, Jahrgang 1953, stammt aus Krefeld. Der Vater, ein Konditormeister, sah den Sohn beruflich in seinen Fußstapfen, doch das stieß bei dem auf taube Ohren. Also bewarb sich Reinhard Müller an der Werkkunstschule Krefeld, bestand die Aufnahmeprüfung und entdeckte sein kreatives Talent. Danach Abschlüsse als Diplom-Ingenieur Architektur an der Fachhochschule Düsseldorf und als Diplom-Ingenieur Stadt- und Raumplanung an der Technischen Universität Berlin. 1984 Aufnahme in die Berliner Architektenkammer, 1987 Eröffnung eines eigenen Architekturbüros, Realisierung vieler stadtbildprägender Bauten etwa am Osthafen, am Hackeschen Markt und Unter den Linden, 1999 Gründung der Stiftung Denkmalschutz Berlin. 2007 erwarb Reinhard Müller ein 5,5 Hektar großes Areal um den Schöneberger Gasometer und startete sein bisher größtes Projekt: die Entwicklung des EUREF-Campus als ein Think-Tank rund um die Energiewende.

Viele Berliner und jede Menge Touristen, die mit der S-Bahn auf dem südlichen Berliner Ring fahren, beobachten täglich die Arbeiten am Gasometer, dem Wahrzeichen des EUREF-Campus. Was geschieht dort eigentlich, Herr Müller?

In der Tat ist dieser Gasometer eine eindrucksvolle Landmarke und, mit seiner Höhe von 78 Metern, das Symbol für den Innovationsstandort EUREF-Campus. Vor einem Jahr haben wir begonnen, das filigrane Stahlgerüst denkmalgerecht zu restaurieren und ihm sein ursprüngliches Erscheinungsbild zurückzugeben. Nun bildet es sozusagen den Rahmen für ein zylinderförmiges transparentes Bürogebäude, wobei die Wände des gläsernen Neubaus einen Abstand von einem Meter zu der historischen Stahlkonstruktion einhalten.

Weshalb betonen Sie das?

Weil ich darauf aufmerksam machen möchte, welchen Respekt wir diesem einzigartigen Industriedenkmal entgegenbringen.

In das Bürogebäude wird die Deutsche Bahn einziehen?

Genau, mit 2.000 Mitarbeitern, die hier an Zukunftsprojekten wie der Digitalen Schiene arbeiten werden.

Was ist die Digitale Schiene?

Das müssten Sie eigentlich die Deutsche Bahn fragen, aber das, was ich weiß, sage ich Ihnen gern. Es geht bei diesem Projekt um die digitale Ausrüstung der Strecken und den digitalgesteuerten Bahnbetrieb, wodurch auf dem vorhandenen Schienennetz ein Kapazitätszuwachs von bis zu 30 Prozent erreicht werden kann – ohne den zeit- und kostenaufwändigen Neubau von Infrastruktur also.

Klingt gut…

…und passt perfekt zum EUREF-Campus.

Weshalb?

Weil der Campus ein Ort ist, an dem es ausschließlich um solche Themen geht. Einer unserer Grundsätze lautet beispielsweise, dass nur Mieter auf den Campus kommen, die mit den Themen Energiewende, Mobilitätswende oder Klimaschutz zu tun haben. Wir nennen ihn deshalb auch ein Reallabor, in dem Technologien und Innovationen aus den Bereichen Energie, Mobilität und Klimaschutz erforscht und getestet werden.

Es heißt, die Energiewende sei auf dem EUREF-Campus bereits vollzogen.

Genauso ist es. Die gesamte Energieversorgung der Gebäude erfolgt durch den Einsatz regenerativer Energien CO2-neutral. Die GASAG-Zentrale, der Sitz der NBB-Netzgesellschaft und das Gasometergebäude erfüllen sogar den höchsten energetischen Effizienzstandard, das heißt, diese Gebäude benötigen nur 55 Prozent der Energie eines herkömmlichen Gebäudes.

Um nochmal auf den Gasometer zurückzukommen, Herr Müller, wann werden denn die Deutsche-Bahn-Mitarbeiter ihr transparentes Bürogebäude in Besitz nehmen?

Die Fertigstellung ist für 2024 geplant. Im Gasometer entstehen neben den zwölf Büroetagen noch weitere, durchaus spektakuläre Orte. Ganz unten, wo Sie jetzt nur den 16 Meter hohen Stahlmantel sehen, der zum einstigen Gasbehälter gehörte, wird es ein hochmodernes Konferenzzentrum geben, darüber folgen, wie gesagt, die Deutsche-Bahn-Büros und auf der obersten Etage bauen wir eine Skylounge mit einer dazugehörigen Terrasse, die öffentlich zugänglich sein wird und den Besuchern einen fantastischen Blick aus 66 Metern Höhe auf die Hauptstadt bietet.

Welche Rolle hat eigentlich bei der Planung des Standortes die Gastronomie gespielt?

Jedenfalls keine Nebenrolle. Sie können kein Stadtquartier entwickeln, das Standort so vieler Firmen ist, ohne dabei die Versorgung der dort Beschäftigten im Blick zu haben. Und ich bin durchaus stolz darauf, wie gut uns das gelungen ist. Schauen Sie sich um, und besuchen Sie unbedingt unser gastronomisches Flaggschiff the CORD, das hat nach meiner bescheidenen Meinung durchaus etwas mehr Aufmerksamkeit verdient.

Vielen Dank für die interessanten Informationen, Herr Müller.

 

 

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