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Viktor der Große

Viktor Kattingers Geschichte ist die eines Selfmade-Mannes. Geboren in Wien im Kriegsjahr 1942, Vater gefallen, Mutter Frisörmeisterin mit eigenem Geschäft im Zentrum der Donaumetropole, Großvater Winzer mit eigenem Weingarten in Neustift am Rande des Wienerwalds. Schule, Matura – so heißt in Österreich das Abitur – Studium an der Hochschule für Welthandel, eine Diplomaten- oder Managerkarriere im Blick.

Ein Wiener erobert Berlin

Stattdessen übernahm er den Weinbaubetrieb des Großvaters. Er hätte die sieben Hektar Rebfläche natürlich auch verkaufen können, aber Tradition verpflichtet eben, in Österreich allemal. Statt im weltweiten Business tätig zu sein, gründete Kattinger ein Heurigenlokal und brachte sich das über Wein bei, was man wissen muss, wenn man am Markt bestehen will. Schnell wurde aus dem jungen Mann ein Weinbauer mit Leidenschaft – und mit einem guten Sinn für rentable Geschäfte.

1979 lieferte er die ersten 1 000 Flaschen Wiener Heurigen nach Berlin. Er saß selbst am Steuer des Kleintransporters, passierte drei Grenzen, erlebte Bürokratie und Schikane bis er nach 18 Stunden endlich den Bestimmungsort erreichte: Paris-Bar, Berlin-Charlottenburg, Kantstraße 152. Dort waren die 7 500 Liter Wein aus Wien schnell ausgetrunken und eine Geschäftsidee war geboren.

Viktor Kattinger fand mit Rolf Paasburg einen Berliner Partner und brachte fortan österreichische Weine nach Berlin – zuerst die eigenen, später dann auch zunehmend die anderer Winzer. Jäh unterbrochen wurde die Erfolgsgeschichte 1985, als in Alpenland-Gewächsen das Frostschutzmittel Glykol gefunden und Viktor Kattinger daraufhin in Berlin zur persona non grata erklärt wurde – so, als hätte er höchstpersönlich gepanscht. Er hatte nicht.

Trotzdem wurde er mit „Zum Wohl Glykol“ gegrüßt, und das war noch das kleinste Übel. Deutschland verbot den Weinimport aus Österreich, ein ganzer Berufszweig geriet in die Krise. Kattinger stand sie durch, gründete seine eigene Firma und avancierte mit den Jahren zum Importeur Nummer 1 für österreichische Spezialitäten. Zwei bis drei LKW-Züge pro Woche bringen inzwischen tonnenweise Ware nach Berlin:

1 500 Weine aus allen 18 österreichischen Anbaugebieten; Römerquelle, das in Österreich bekannteste Mineralwasser; Fruchtsäfte aus Oberösterreich und Voralberg, Biere exclusiver Marken von Kapsreiter über Gösser und Hirter bis Zipfer; Edelbrände und Kräuterliköre. Kartoffeln, Kren, und Kürbiskernöl gehören ebenso zu Kattingers Sortiment wie Knödelbrot, Semmelbrösel, Topfen, Wurst und Fleisch – über 1000 Artikel, viele davon in Bio-Qualität und alle aus Österreich.

Natürlich kaufen die meisten österreichischen Restaurants in Berlin bei Kattinger, aber auch Aigner, Borchardt und Margaux. „Ich bin in aller Munde.“ Der 66 jährige, dem man auch die 55 abnehmen würde, grinst und steigt ins Auto.
Berlin-Wien, das schafft er heute locker in sieben Stunden.

 

Firma Viktor Kattinger

Schillerstraße 93
10625 Berlin-Charlottenburg
Tel. 030-312 09 78
www.weingut-kattinger.de