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Bilder einer Ausstellung – Susanna Kraus und Ihre Camera Magnifica

Ein ausgesprochen seltener Zustand: Herbert Beltle ist sprachlos. Der stadtbekannte Gastronom steht vor einer lebensgroßen Porträtfotografie. Schwarz-weiß, zwei Meter lang, 60 Zentimeter breit, die Person auf das Wesentliche reduziert. Beltles Augen suchen das Gesicht des Mannes auf dem Foto. Es ist sein Gesicht. Irgendwann löst sich die Spannung. Herbert Beltle ist begeistert.

Ein paar Tage später, Duplizität des Ablaufs. Diesmal ist es Franz Raneburger, der wackere Herdarbeiter aus Tirol, den das Bild dermaßen fasziniert, dass er es minutenlang regungslos betrachtet. So hat sich Raneburger noch nie gesehen.

Die Bilder von Beltle und Raneburger gehören zu einem Projekt, an dem Susanna Kraus und Stephan Falke derzeit arbeiten.

Einer dieser Lebenszufälle, aus denen selten mehr entsteht als „wir telefonieren“ führte die beiden zusammen. Gesprächsthemen – Küche und Kunst. Und irgendwann war da diese Idee. Wir telefonieren. Sie taten’s.

Falke, der Küchenarchitekt, redete über eine Zeit, in der die sprachliche Verknüpfung von Berlin und Genuss – kulinarisch gesehen – als Paradox galt, in der der Gault Millau höhnte, der Vorteil der Berliner Edelgastronomie bestehe darin, ungemein übersichtlich zu sein, in der der fettige Ruf der Stadt ihr Image prägte.

Kraus, die Fotokünstlerin, fragte nach denen, die gegen dieses Urteil (oder war es ein Vorurteil?) ankochten. Sie informierte sich über Henry Levy, den großen Franzosen, über die frühen Sterne- und die ersten Meisterköche, über die Restaurants im alten Ost- und Westberlin, über die Chancen der Gastronomie der neuen Hauptstadt und darüber, welche Köche sie erkannten und wahrnahmen.

Ihr und Falkes Projekt: eine Ausstellung. Die Porträts von 20 Köchen. Wenn es richtig ist, dass die Gastronomie zur Visitenkarte einer Stadt gehört, so sind die Köche deren Verteiler.

Stephan Falke kümmert sich um die Organisation der Ausstellung und ums Sponsoring, Susanna Kraus „macht“ die Bilder, wobei das Verb die Entstehung der monumentalen Fotos mit der außergewöhnlichen Wirkung nicht wirklich zutreffend benennt. Denn eigentlich sind es Selbstporträts…

Ein Gewerbehof in Prenzlauer Berg. Wilder Firmenmix. Zu DDR-Zeiten wurde hier Honeckers Volvo-Flotte gewartet. Im letzten Winkel, hinter einer schweren Eisentür, das Atelier. Susanna Kraus, Münchnerin mit einem Hauch Wienerisch in der Stimme, nennt es wie ihre Kamera: Imago 1:1. Ein Begriff mit vielen Bedeutungen. Eine davon: das Ebenbild.

Ein Viertel des Riesenraumes nimmt die Kamera ein, sieben Meter lang, drei Meter breit, vier Meter hoch, ein mattschwarzes Monster. Der Spiegel beschrieb es als „Kreuzung aus frühem U-Boot und Eiserner Lunge“.

Entwickelt wurde das Aufnahmegerät Anfang der 1970er Jahre von Werner Kraus, Susannas Vater, einem Physiker. Der Kern der Kamera: eine eigens für die 1:1-Fotografie konstruierte Optik. Der Nürnberger Kunstprofessor Erhard Hößle schuf das Kameragehäuse – ein begehbares Objekt, bestehend aus zwei Räumen.

Die Erfinder formulierten auch die Handlungsanweisung: „Sie betreten die Kamera, schließen die Tür hinter sich und stehen ihrem Spiegelbild gegenüber. Sie sehen sich in einem Umkehrspiegel, der Sie nicht – wie gewohnt – seitenverkehrt, sondern seitenrichtig zeigt. Das ist der Augenblick, ein Bild Ihrer Vorstellung zu gewinnen. So schlüpfen Sie, indem Sie selbst die Blitzlichter in der Kamera auslösen, in die Rolle des Fotografen und sind zugleich Ihr eigenes Sujet, dass Sie zu Ihrem Bild formen können.“

Ein Teleskop-Hohlspiegel projiziert dann das geblitzte Bild direkt auf ein zwei Meter langes Spezial-Positivpapier. Zehn Minuten später ist das Foto fertig. Der pure Augenblick. Ein Unikat. Ein Negativ gibt es nicht.

Es ist nicht nur der technische Superlativ – die größte Sofortbildkamera der Welt – die den Krausschen Apparat zu etwas Besonderem macht – vor allem sind es seine künstlerisch-ästhetischen Möglichkeiten im Zeitalter des Handy-Foto-Voyeurismus.

Der Spiegel-Fotograf Ben Behnke schrieb in Susanna Kraus Gästebuch: „ Bemerkenswert. Ich bemühe mich, Menschen vor die Kamera zu kriegen. Du hingegen lädtst sie ein – in den Fotoapparat.“

Und sie kommen. Prominente, wie der Philosoph Peter Sloterdijk und die Schauspielerin Susanne von Borsody. Wiener Psychoanalytiker. Berliner Liebespaare, Hochzeitspaare, Ehepaare. Handwerker, Wissenschaftler, Menschen eben, die sich ein Bild machen wollen. Davon lebt Susanna Kraus – 280 Euro kostet ein selbstinszeniertes 1:1-Selbstporträt, ein Bild in Lebensgröße, eins, das das unbekannte Ich sichtbar macht.

„Köche in Berlin“ – den Zweck ihrer geplanten Ausstellung sehen Susanna Kraus und Stephan Falke vor allem darin, dass sich auch die Betrachter ein Bild machen können – darüber, welche Menschen die Boulettenmetropole ind die deutsche Gourmethaupstadt verwandeln.

Imago 1:1

Susanna Kraus

Strassburger Strasse 6-8

10405 Berlin-Prenzlauer Berg

Tel. 0172 – 310 48 85

imago Camera 1:1

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Die Autorin ist seit 10 Jahren im Auftrag für gutes Essen und Trinken unterwegs.