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Wie geht es Wilko Bereit?

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Tattoostudios gehören nicht zur kulinarischen Welt und deshalb auch nicht zu unseren Arbeitsorten – mit einer Ausnahme. Als sich Braumeister Wilko Bereit vor zwölf Jahren im Mariendorfer Studio Tattoo Extreme unter die Nadel legte und die Insignien seines Berufsstandes in den Bizeps stechen ließ, waren wir dabei.

Die Privatbräuerei am Rollberg

Zwei Jahre zuvor hatte der Berliner die Privatbräuerei am Rollberg gegründet, in der ehemaligen Kindl-Braustätte in Neukölln. Sein handwerklich gebrautes Rollberg-Bier, ungefiltert und nicht pasteurisiert, war schnell in vieler Munde.

Der Erfolg vom Rollberg-Bier

Jan-Göran Barth, Küchenchef im Bundespräsidialamt orderte es ebenso wie Billy Wagner, damals noch Sommelier in der Weinbar Rutz. Bald zapften auch die Tresenleute im Kreuzberger Volt, im Café Einstein, im Spreewaldresort Zur Bleiche und in vielen anderen Restaurants das würzige Rollberg Hell, das malzige, mild gehopfte Rollberg Rot oder das fruchtige Rollberg Weizen. Der Erfolg hielt an, doch er kostete auch viel Kraft. Im vorigen Jahr beschloss Bereit, inzwischen 50, kürzer zu treten und seine Firmenanteile an die engsten Mitstreiter zu verkaufen. Ende 2022 war die Übergabe abgeschlossen, und Wilko Bereit sagte der Brauerei auf dem Rollberg good-bye.

Sein Lebenslauf:

KINDHEIT UND SCHULE
Geboren am 7. August 1972 in Berlin
Grundschule und Gymnasium
Austauschschüler in Richmond/lndiana
Abitur in Berlin

AUSBILDUNG
Lehre als Brauer und Mälzer
Bürgerbräu, Berlin-Friedrichshagen
Qualifizierung zum Braumeister
Versuchs- und Lehranstalt für Brauwesen,
Berlin-Wedding

BERUFLICHE STATIONEN
Georgbräu, Berlin-Mitte
Hausbrauerei Feierling, Freiburg i. Breisgau
Jensens Bryghus, Juelsminde/Dänemark
sowie in Brauereien in Frankreich und in der Schweiz

HEUTE TÄTIG ALS
Berater für Produktentwicklung

 

Ein kleines Interview mit Wilko:

 

Hallo, Wilko Bereit, störe ich oder passt es?

Hallo, es passt schon. Worum geht’s denn?

Ich würde gerne mit Ihnen über Ihren neuen Job reden – Sie sind jetzt als Berater für Produktentwicklungen unterwegs, habe ich gehört.

Kein Problem, nächste Woche bin ich in Berlin, allerdings gibt’s über meine Beratertätigkeit noch nicht allzu viel zu erzählen. Wenn Sie wollen, stelle ich Ihnen Johannes Walle vor, einen jungen Spirituosenhersteller, mit dem ich derzeit zusammenarbeite.

Gerne, dann machen wir das so.

Wir treffen uns in einer Bar in Kreuzberg. Die Frage nach Wilko Bereits Befinden erübrigt sich eigentlich, so erholt und entspannt wie er uns gegenübersitzt. Man kennt das aus anderen Bereichen, Berater leben stressfrei.

Bei welcher Entwicklung beraten Sie Herrn Walle?

Bei keiner. Johannes Walle hat in anderthalbjähriger Arbeit eine Spirituose – oder nennen Sie es Elixier – entwickelt und ich unterstütze ihn jetzt in technischen Fragen – Abfüllung usw. – und bei der Vermarktung.

Was ist das Besondere an diesem Getränk?

Die natürlichen Zutaten, der komplexe Geschmack, die belebende Wirkung. Das Getränk hat mich absolut überzeugt, sonst würde ich mich nicht engagieren.

Heckendahlheim, ein ungewöhnlicher Name für eine Spirituose.

Finden Sie? Der Heimatort von Johannes Walle. Dort produzieren wir auch.

Ja dann, viel Erfolg.

Bleibt noch die Frage, wie es der Brauerei in der Nach-Wilko-Bereit-Ära bisher ergangen ist – also, auf zum Rollberg! Wer lange nicht in diesem Neuköllner Kiez zwischen Hermann- und Karl-Marx-Straße war, bekommt schon auf dem Weg das große Staunen. Ein gutes Dutzend schicker Neubauten, wo sich früher Tristesse breit machte. Und dann der Clou: Das denkmalgeschützte Gebäude der Kindl Brauerei AG, in dem einst das Berliner Kindl erfunden und von 1890 bis 2005 in Pilsener Brauart auch hergestellt wurde, beherbergt jetzt ein Zentrum für zeitgenössische Kunst – das KINDL. Wow! Auch die Rollberg-Brauerei hat hier noch ihren Sitz, doch die muss jetzt warten. Manchmal kommt eben die Kunst vor dem Suff. Im ehemaligen Kesselhaus gibt es eine raumgreifende Installation von Mona Hatoum, im früheren Maschinenhaus M2 werden Werke von Friedrich Kunath – Malerei, Skulptur, Installation und Video – präsentiert und im einstigen Maschinenhaus M1 eine Installation der Israelin Larissa Sansour und des Dänen Søren Lind, in deren Zentrum eine dreikanalige Videoarbeit steht – As If No Misfortune Had Occurred in the Night. Im Sudhaus (s. Bild unten) schließlich lädt das Café Babette zu kleinen veganen Köstlichkeiten, Limonaden oder einem Rollberg rot.
Das, was die Schweizer Immobilien-Investoren Salome Grisard und Burkhard Varnholt hier geschaffen haben, beeindruckt durch seine Architektur und begeistert durch deren Zweckbestimmung. Eine Adresse, die man sich merken muss.

Neue Nachbarschaft für die Rollberger

Natürlich sind auch die Rollberger mit ihren neuen Nachbarn ganz zufrieden. „Erstens, weil Kunst bildet“, sagt Nils Heins, „und zweitens, weil die Zentrumsbesucher auch unser Bier trinken.“ Der 56-Jährige ist der neue Geschäftsführer und ebenso Gesellschafter der Privatbrauerei GmbH wie Robert Dömlang, 32 und von Beruf Brauer und Mälzer. „Er macht das Bier und ich verkaufe es“, so Heins.
Es gib nur noch zwei Biersorten – Rollberg hell und Rollberg rot, das Weizenbier ist aus dem Programm. Sowohl das Malz als auch der Hopfen sind bio, das Wasser kommt aus der Rixdorfer Rohrquelle, die kalte Gärung und die Lagerung dauern knapp fünf Wochen. Um Aromen und Inhaltsstoffe zu bewahren, wird weder gefiltert noch pasteurisiert. Wann was geschieht, entscheidet der Brauer, nicht der Computer. Handwerk eben. „Dieser Linie bleiben wir treu“, erklärt Robert Dömlang.
Das schätzen derzeit rund 60 Berliner Kunden: Rutz Altes Zollhaus, Bar Raval, Heidelberger Krug, Hotel Oderberger, Metzer Eck, Schilling Bar, The Cord…
2010, im ersten Jahr ihres Bestehens, brauten die Rollberger 700 Hektoliter, 2019 waren es bereits 3.400. „Dann kam Corona“, so Dömlang, „da halbierte sich der Ausstoß.“ In diesem Jahr hat die kleine Mannschaft wieder die Marke von rund 3.000 Hektolitern im Visier. „Und wir verzichten wegen der Nachhaltigkeit auch weiterhin auf eine Flaschenabfüllung“, fügt Nils Heins hinzu. Worauf sie nicht verzichten, sind dagegen die Zapfkurse für Ihre Kunden. „Mit Liebe gebraut, am Zapfhahn versaut“, das gilt leider in Berlin noch allzu oft.

Privatbrauerei am Rollberg
Am Sudhaus 3

12053 Berlin

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