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Wildschönauer Krautingerrübe

Die Tiroler Wildschönau ist ein Hochtal in den Kitzbüheler Alpen, ein rauer Landstrich von herbem Reiz, eine Seelenlandschaft. Sie erstreckt sich auf 24 Kilometern Länge über die vier Dörfer Niederau, Oberau, Auffach und Thierbach und ist im Rest Österreichs durch einen Rübenschnaps bekannt, an dem sich die Geister scheiden: der Krautinger. Manche sagen, er würde nach mehrfach getragenen Socken riechen. Andere behaupten, dass er auch so schmeckt. Peter Lechner gehört zu einer dritten Gruppe, den Fans des hochprozentigen Destillates mit geschützter geografischer Angabe.

„Eine echte Kostbarkeit“, sagt Lechner, und man kann ihm nicht widersprechen. Der Pensionär aus Schwaz, einer Stadt auf halbem Weg von Innsbruck nach Kufstein, betrieb jahrzehntelang ein gut gehendes Feinkostgeschäft, verkaufte dort Jahr für Jahr hunderte Flaschen Krautinger und verarbeitet auch heute noch dessen Ausgangsprodukt – die Krautingerrübe. Lechner macht daraus Rübenkraut, das sind eingelegte Rübenschnitzel, eine gefragte Delikatesse. Allerdings kann er nur einen Bruchteil dessen herstellen, das er verkaufen könnte, denn die Krautingerrübe ist in den letzten Jahrzehnten selten geworden und inzwischen vom Aussterben bedroht.

Nur noch 14 Landwirte in der Wildschönau bauen die große weiße Stoppelrübe an, die hier „Soachbruam“ heißt – auf insgesamt fünf Hektar. Die winzigen Samenkörner, die die Bauern selbst gewinnen, werden mit Sägespänen vermischt und per Hand auf den vorbereiteten Äckern ausgesät. Im Spätherbst werden die Rüben geerntet, ebenfalls „händisch“, wie man in Österreich sagt.

„Man kann die Rübe übrigens auch roh essen, nur mit ein bisschen Salz“, erklärt Peter Lechner, „sie schmeckt durch ihre typischen Glucosinelate besonders würzig und ist außerdem ziemlich vitaminreich.“ Das war wohl auch der Grund dafür, dass die Herbstfrucht auch in der Volksmedizin von großer Bedeutung war. Das Rübenkraut sollte das Immunsystem stärken, der saure Saft des Krautes dem Magen guttun. Äußerlich wird es in den Dörfern der Wildschönau noch heute angewendet, beispielsweise bei Gelenkentzündungen.

Kein Wunder, dass der regionale Tiroler Spezialität mit der langen Geschichte und dem besonderen Geschmack das Prädikat Österreichische Genussregion zuerkannt wurde. Da ist Brassica rapa ssp. rapa – so ihre offizielle botanische Bezeichnung – übrigens in guter Gesellschaft. Außer der Krautingerrübe tragen lediglich der Alpbachtaler Heumilchkäse, das Osttiroler Berglamm, die Stanzer Zwetschke und sechs weitere landwirtschaftliche Produkte dieses begehrte Gütesiegel.

www.amtirol.at

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Die Autorin ist seit 10 Jahren im Auftrag für gutes Essen und Trinken unterwegs.

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