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Vom Koch zum Botschaftskoch

width=Die Bundesrepublik Deutschland hat mit 194 Staaten der Erde diplomatische Beziehungen.
158 dieser Staaten unterhalten in Berlin auch eine Botschaft. Wieviele davon einen eigenen Koch beschäftigen, das verrät das allwissende Netz allerdings nicht, und selbst das Auswärtige Amt muss passen. Auf jeden Fall ist ein Botschaftskoch Kenner vieler Küchenstile, Könner seines Fachs bewandert auf diplomatischem wie kulinarischem Parkett. Diese Art Köche liefern allerdings keine Schlagzeilen und stehen in keinem Gastroguide, obwohl etliche von ihnen ihren besternten und behaubten Kollegen mit Sicherheit locker das Wasser reichen können. Und sie sind verschwiegen, wenn es um ihre Gäste, deren Vorlieben und Abneigungen geht. Zum Beispiel Robert Burgmeier, seit sieben Jahren Executive Chef of the British Embassy in Berlin – das heißt „Leibkoch“ des in Berlin akkreditierten Botschafters des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland und natürlich auch für das leibliche Wohl der Botschaftsgäste zuständig: Politiker, Künstler, Sportler, Wissenschaftler, Diplomaten.

Wir sind in der Rôtisserie Weingrün verabredet, Burgmeier hatte das Restaurant an der Gertraudenbrücke in Berlin-Mitte vorgeschlagen. „Ich habe schon viel von Herbert Beltle, seinen erfolgreichen gastronomischen Konzepten und seiner kollegialen Offenheit gehört und würde ihn deshalb gern mal persönlich kennenlernen.“ Anderthalb Stunden lang fachsimpelten die beiden Männer dann über Weine und die Welt. Dass beide gebürtige Bayern sind – Beltle wuchs in Augsburg auf, Burgmeier in Dachau – und beide längere Zeit in Londoner Hotels tätig waren – Beltle im Claridge, Burgmeier im Dorchester – schuf zusätzlichen Gesprächsstoff.

Dann erst kamen wir zum Zuge: „Wie wird man eigentlich Botschaftskoch, Herr Burgmeier?“ „Indem man sich auf eine Ausschreibung bewirbt, Fragen beantwortet und sich bei einem Probekochen durchsetzt.“ „Gegen wieviele Mitbewerber?“ „Insgesamt hatten sich 25 Kollegen beworben, beim Probekochen standen wir dann noch zu sechst am Herd.“ Das war, wie gesagt, vor acht Jahren. Zuvor hatte der 38-Jährige, der aus einem traditionellen gastronomischen Familienbetrieb in Dachau stammt – Metzgerei, Wirtshaus, Landhotel – seine Lehr- und Wanderjahre absolviert, die ihn nach der Ausbildung im bayerischen Bad Wiessee ins Münchner Mandaria Oriental, zu Holger Stromberg nach Castrop-Rauxel, ins Londoner Dorchester und ins Berliner first floor zu Matthias Buchholz führten. Es folgten der Küchenmeisterabschluss, eine Ausstellung als Chefkoch des BMW-Vorstandes, dann der Job als Botschaftskoch. „Was halten Sie eigentlich von der englischen Küche?“

Der Botschaftskoch hat einen großem Erfahrungsschatz

Burgmeier kennt die landläufigen Meinungen. Seit vor über 2.000 Jahren in Britannien stationierte römische Legionäre die Nase über die dortige Kost rümpften, hat die englische Küche mit ihrem schlechten Ruf zu kämpfen. Robert Burgmeier_002In der Sammlung moderner Vorurteile stellt sie neben der deutschen Bürokratie und der italienischen Polizei einen Bestandteil der Hölle Europas dar. „Der Ruf ist das eine, die Realität das andere“, lächelt Burgmeier. Dann zählt er ein gutes Dutzend Londoner Restaurants auf – The Greenhouse, The Square, Arbutus, Chrysan, Dabbous, Gauthier, Le Gavroche, Gordon Ramsay…
Sie belegen, dass das Land von einer Feinschmeckerwelle erfasst ist, und auch die nicht erst gestern entbrannte Leidenschaft für kultiviertes Kochen zu Hause zeigt, dass die Engländer zunehmend sensibler werden, was die Qualität ihres Essens angeht. „Die Zeit, in der Olivenöl vor allem für die Autopflege verwendet wurde, ist längst vorbei“, so Burgmeier.

Und nicht nur das. „In jeder Hinsicht erstklassige englische Supermarktketten und erst recht die Wochenmärkte bieten beste Lebensmittel.“ Zum Beispiel Käse: Die berühmten Stilton- und Sticheltonsorten aus Nottinghamshire, der Isle of Mull Cheddar, auch die Ziegenkäse von Mary Holbrook aus Somerset, die Kuhmilchkäse der Appleby-Familie aus Shropshire oder von Andy und Anne Wigmore aus Berkshire sind wohl Beweis genug, dass die Engländer käsekreativ den Franzosen durchaus das Wasser reichen können. „Oder nehmen Sie die südenglische Tomatenvielfalt, die aromastarken Wurzelgemüse, gar nicht zu reden etwa vom Fleisch…“, Robert Burgmeier ist in seinem Element. Ein Bayer als kulinarischer Botschafter Großbritanniens, wer hätte das gedacht.

Robert Burgmeier_003Robert Burgmeier’s Höhepunkt

Eine Gartenparty mit 650 Gästen. Die findet zwar jedes Jahr in der Residenz des britischen Botschafters im Grunewald statt, 2015 aber kam Queen Elizabeth II. persönlich – die Königin war auf Deutschlandbesuch – um ihren Geburtstag zu feiern. Robert Burgmeier: „Die Vorbereitungen nahmen Wochen in Anspruch. Auf die Teller kamen zum Beispiel Coronation Chicken, zu deutsch Krönungshühnchen, ein typisch britisches Geflügelgericht, und natürlich gab es Fish-and-Chips, den Klassiker schlechthin.“
Very british á la Burgmeier. Der Botschaftskoch lässt grüßen.

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