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Die Geschichte des TV-Kochens…

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… oder wie Clemens Wilmenrod sagen würde: Es liegt mir auf der Zunge.

Johannes Mohr und Swen Kernemann-Mohr blättern für GARCON  in Koch­büchern aus vergangenen Zeiten und notieren, was sie dabei bewegt.

Wir beide sind Jahrgang 1956 bzw. 1963, haben also auf Grund später Geburt ein revolutionäres Ereignis der deutschen Fernsehgeschichte verpasst und können es nur mit Hilfe unserer Bücher und des Inter­nets rekapitulieren.

Es geschah am 20. Februar 1953, einem Freitag. Um 21.30 Uhr, zur besten Sendezeit, begrüßte aus einem deckenhoch gefliesten Studio des Nordwestdeutschen Rundfunks auf dem Hamburger Heiligengeistfeld ein Mann die Zuschauer.

Markenzeichen: schwarzes Menjoubärtchen, knappe Latzschürze, schmieriger Hausfrauenver­führerblick. „Ihr lieben goldigen Menschen“, säuselte er und kochte in den folgenden fünfzehn Minuten live und in schwarz-weiß ein italienisches Omelett und Kalbsniere mit Mischgemüse aus der Dose. Dazu gab es Fruchtsaft im Glas, danach türkischen Mokka.

Wer damals vor dem Fernsehapparat saß, hatte die Geburtsstunde des deutschen TV-Kochens erlebt (die Sendung konnte übrigens auch in Berlin empfangen werden, denn der NWDR versorgte von 1946 bis 1954 die Stadt mit seinem Programm, der Sender Freies Berlin ging erst am 1. Juni 1954 an den Start).

Und den ersten deutschen Fernsehkoch. Übrigens: Weder sein Name noch sein Beruf waren echt. Er hieß nicht Clemens Wilmenrod, sondern Carl Clemens Hahn (Wilmenrod im schönen Westerwald war sein Geburtsort), und er war kein Koch, sondern ein mittelloser Schauspieler mit mäßigem Erfolg. Das Konzept für die Kochsendung ersann er gemeinsam mit seiner Frau Erika, einer Metzgerstochter aus Wiesbaden.

Sie war es auch, die dem blutigen Anfänger die wichtigsten Handgriffe beibrachte, die er für die Sendung brauchte. Beide stellten ihr Projekt dem damaligen NWDR-Intendanten Adolf Grimme vor, der hatte offensichtlich einen guten Riecher für erfolgversprechende Exposés – und gab grünes Licht.

Grimmes Entscheidung erwies sich als goldrichtig. „Bitte, in zehn Minuten zu Tisch“ avancierte schnell zur beliebtesten Fernsehsendung der Deutschen. Zuschauerzahlen von bis zu drei Millionen entsprachen zur damaligen Zeit Einschaltquoten von 50 bis 80 Prozent. Das lag vor allem daran, dass Koch-Darsteller Wilmenrod perfekt sowohl auf der Fress-als auch auf der Reisewelle der 1950er Jahre surfte und unserer Elterngeneration vor Augen führte, dass sie wieder wer sei. Leute mit Geschmack und „Was-kostet-die-Welt-Flavour“.

Irgendwo lasen wir im Zusammenhang mit dem Phänomen der Gastronomisierung deutscher TV-Kanäle und dem damit verbundenen massenhaften Auftritt von televisionären Herdarbeitern mal den Satz, dass man fürs Fernsehen weder kompetent noch originell, nur penetrant genug sein müsse. Sicher eine böse Formulierung, aber auf Clemens Wilmenrod, den „Felix Krull des Fernsehkochens“, traf sie ohne jede Einschränkung zu. Er jazzte Banalrezepte (Arabisches Reiterfleisch oder Gefüllte Erdbeere) zu kulinarischen Außergewöhn­lichkeiten hoch; entdeckte, wie lukrativ Schleichwerbung sein kann und wie man Popularität sonst noch zu Geld machen kann.. . Übrigens: Auch die DDR hatte ihren Fernsehkoch, dessen Bücher in unserem Kochbuchantiquariat zum Standardsortiment gehören.

Kurt Drummer (1928-2000) stammte aus dem erzgebirgischen Gornsdorf – Kochlehre in Chemnitz, Küchenmeister, Karriere im Weimarer „Elephant“, im „Erfurter Hof“ und im Karl-Marx-Städter Carola Hotel. Am 5. August 1958 – zwei Jahre nach dem Start des regulären DDR-Fernsehprogramms – stand er zum ersten Mal vor der Kamera: Kurt Drummer, die ostdeutsche Antwort auf Clemens Wilmenrod.

Der stets standesgemäß gekleidete Sachse wirkte zwar – so jedenfalls Leute, die ihn live erlebten – im Vergleich zu seinem west­deutschen Pendant ziemlich dröge, aber Drummer kam an bei den Zuschauern zwischen Plauen und Saßnitz. Der TV-Liebling produzierte insgesamt 650 Folgen von „Der Fernsehkoch empfiehlt“, in denen er über 2.000 Gerichte zubereitete, wurde mit dem Goldenen Lorbeer des DFF ausgezeichnet (s. Bild unten Mi.) und stieg 1965 sogar zum Chefkoch der DDR-Vereinigung Interhotel auf. Seine Bücher waren Bückware und sind sogar heute noch gefragt – allerdings, so unsere Vermutung – weniger aus Gründen kulinarischer Nostalgie, sondern eher aus Neugier auf die deutsche Küche der DDR, die häufig als „Wechselbad zwischen Verzicht und Völlerei“ beschrieben wird.

Vor allem Drummers 1963 erschienenes „Fernsehkochbuch“ gibt tiefe Einblicke in die Versorgungslage im Land der begrenzten Möglichkeiten zu jener Zeit. Statt Butter empfiehlt Kurt Drummer zum Backen und Braten Margarine – wechselweise die Sorten Marina, Sonja, Sahna und Vita und statt Sojasauce BINO-Würze aus Bitter­feld-Nord. Und wenn die Würze trotzdem fehlte, setzte Drummer eben auf Glutal …

Dennoch sind wir der Meinung, dass viele der Regionalrezepte etwa aus seinem Buch „Von Apfelkartoffeln bis Zwiebelkuchen“(1982) auch heute noch durchaus ihre Berechtigung haben.

www.bibliotheca-culinaria.de

 

 

Es liegt mir auf der Zunge

Der Fernsehkoch Clemens Wilmenrod
Illustrationen von Gisela Grieger
Hoffmann und Campe Verlag
Hamburg 1954
5. Auflage
37.–46. Tausend
Umschlaggestaltung H. H. Hagedorn, Hamburg
144 Seiten
Preis (antiquarisch): 38,00 Euro

 

 

 

 

 

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