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Die Kartoffelküche – Nachgelesen in alten Kochbüchern

Die KartoffelkücheJeder, der sich als Antiquar, Archivar oder Bibliothekar von Berufs wegen mit Kochbüchern beschäftigt, kennt natürlich Henriette Davidis und ihr „Praktisches Kochbuch für die gewöhnliche und feinere Küche“, das zwischen 1844 und 1942 immerhin 62 Auflagen erlebte. Nicht annähernd so berühmt wie die Pfarrerstochter aus Wengern an der Ruhr, aber als Kochbuchautorinnen immer noch bekannt genug, sind auch Marie Schreiber („Berliner Kochbuch für herrschaftliche Tafeln“, 1785), Sophie Juliane Weiler („Neuestes Augsburgisches Kochbuch“, 1801) oder Hedwig Hohenwald, die 1891 im Verlag von Eduard Freyhoff in Oranienburg ihr „Illustriertes Viktoria-Kochbuch der nord- und süddeutschen Küche“ herausbrachte. Wann wir zum ersten Mal ein Kochbuch von Lina Morgenstern in den Händen hielten, wissen wir nicht mehr genau und – ehrlich gesagt – wir schenkten dem Titel auch nicht sonderlich viel Beachtung.

Die KartoffelkücheEs war die soundsovielte Auflage des „Illustrierten Universal-Kochbuchs für Gesunde und Kranke“, erschienen 1905 oder 1906, in einer Zeit also, in der Bücher dieser Art den Markt förmlich fluteten. Ein erstes Interesse wurde Monate später geweckt, als wir eine Billigstbroschur von der gleichen Autorin entdeckten: „Kochrecepte der Berliner Volksküchen“. Angesichts des von uns heute vorgestellten Bändchens von Lina Morgenstern „Die Kartoffelküche“, beschlossen wir schließlich, uns auf Spurensuche zu begeben: Wer war diese Frau?

Die Kartoffelküche

Der Band „Die Kartoffelküche“, den wir heute im Garcon vorstellen, gab schließlich endgültig den Ausschlag, uns auf Spurensuche zu begeben. Wer war diese Frau? Bereits unsere ersten Recherchen belegten es: Lina Morgenstern, Jüdin, 1830 in Breslau als Tochter eines Möbelfabrikanten geboren, war weit mehr als eine Kochbuchautorin. Bereits als 18-Jährige hatte sie, noch in Breslau, den Pfennigverein zur Unterstützung armer Schulkinder gegründet.

In Berlin folgten später der Kinderschutzverein (1868), der Arbeiterinnen-Bildungsverein (1869), die erste Krankenkasse für Arbeiterinnen im gleichen Jahr, der Berliner Hausfrauenverein gegen Verteuerung und Verfälschung der Lebensmittel (1873) und der Frauenverein zur Rettung sittlich verwahrloster und strafentlassener minderjähriger Mädchen (1880). Höhepunkt ihres sozialen Engagements war jedoch die Gründung des Vereins der Volksküchen in Berlin. 1866, Preußen rüstete zum Krieg gegen Österreich und eine Teuerungswelle rollte durchs Land, machte Lina Morgenstern den Vorschlag, sogenannte Volksküchen in allen Berliner Stadtteilen einzurichten, „um gesunde und nahrhafte Speisen zum Selbstkostenpreis an jedermann zu verkaufen.“

Lina Morgenstern – Zeitgenossen schildern sie als „Frau mit praktischem Sinn und hervorragendem Organisationstalent“ – suchte Verbündete, überzeugte u.a. Franz Duncker, Adolf Lette und Rudolf Virchow und eröffnete am 9. Juli 1866 die erste Berliner Volksküche in der Charlottenstraße, die zweite folgte neun Tage später in der Brunnenstraße. Insgesamt zehn solcher Anstalten entstanden bis 1868, die täglich über 10.000 Berliner mit warmen Mahlzeiten versorgten. Lina Morgenstern verfasste ein Kochbuch für Volksküchen und beschrieb in der „Gartenlaube“, einem damals volkstümlichen und freigeistigen Wochenblatt für die ganze Familie, das Prinzip der Volksküchen: „Sie verabfolgen keine beschämenden Almosen und verschenken nichts.“

Lina Morgenstern ist in Berlin nicht vergessen. Eine Gesamtschule im Kreuzberger Bergmannkiez trägt ihren Namen, an Häusern in der Friedrich-, Linien- und Potsdamer Straße gibt es Gedenktafeln, ihr Grab auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee (s. Foto u.) – ein Berliner Ehrengrab – ist gepflegt, die abgelegten Steine zeugen von vielen Besuchern. Und 1997 schließlich setzten der Berliner Schriftsteller Heinz Knobloch (1926-2003) und sein Verlag, die Edition Hentrich, Lina Morgenstern mit dem Band „Die Suppenlina – Wiederbelebung einer Menschenfreundin“ auch ein literarisches Denkmal.

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